Anna Bolena Libretto
Deutsch Übersetzung

Personen

ENRICO VIII, König von England (Bass)
ANNA BOLENA, seine Gemahlin (Sopran)
GIOVANNA SEYMOUR, Hofdame Annas (Mezzosopran)
LORD ROCHEFORT, Annas Bruder (Bass)
LORD RICCARDO PERCY (Tenor)
SMETON, Page und Musiker der Königin (Alt)
SIR HERVEY, Offizier des Königs (Tenor)
CHOR und STATISTEN:
Höflinge und Hofdamen, Offiziere, Lords, Jäger, Soldaten

Die Handlung spielt 1536 in England
Der erste Akt in Windsor, der zweite in London



ERSTER AKT

ERSTE SZENE
Ein Saal in den Gemächern der Königin auf Schloss Windsor.
Der Raum ist erleuchtet.
Von allen Seiten kommen und gehen zahlreiche Personen.
Die ienen gehen diskutierend auf und ab, andere unterhalten sich sitzend.


Einleitung

CHOR I der HOFLEUTE
leise flüsternd
Ist der König nicht gekommen?

CHOR II
Still.
Er ist noch nicht gekommen.

CHOR I
Und sie?

CHOR II
Sie leidet im Herzen, doch sie verstellt sich.

ALLE
Ihr Stern ist im Untergehen.
Enricos unbeständiges Herz
ist für eine andere entbrannt.
Vielleicht sind der Ärmsten, ach,
noch grössere Schmach und Schmerz beschieden.


ZWEITE SZENE
Giovanna, die Vorigen


Auftrittsarie

GIOVANNA
Dringlicher als sonst
hat sie nach mir gerufen.
Sie... warum?... Was für ein Beben!
Welcher Zweifel ist in mir erwacht!
Vor meinem Opfer
ist die ganze Kühnheit des Herzens dahin.
Mach mich taub für die Gewissensqual
oder erlösche in mir, Liebe.


DRITTE SZENE
Anna kommt aus dem Hintergrund, gefolgt von ihren Damen, von Pagen und Knappen.
Alle machen ihr Platz und umringen sie ehrfurchtsvoll.
Smeton befindet sich im Gefolge.
Schweigen.


Szene und Romanze

ANNA
Nie sah ich Euch so schweigsam
und betrübt versammelt...
zu Giovanna
Selbst du, einst so fröhlich,
vermagst kein Lächeln
auf deine Lippen zurückzurufen!

GIOVANNA
Wer könnte sich heiter zeigen,
wenn er seine Königin betrübt sieht?

ANNA
Ich bin betrübt, das ist wahr …
und ich weiss nicht warum...
Eine unbekannte, ängstliche Sorge
raubt mir seit Tagen die Ruhe.

SMETON
(Unglückliche! )

GIOVANNA
(Ich zittere bei jedem ihrer Worte.)

ANNA
Wo ist Smeton?

SMETON
Königin!

ANNA
Komm zu mir.
Willst du nicht ein wenig meinen Hof
mit deinen Klängen erfreuen,
bis der König kommt?

GIOVANNA
(Mein Herz atmet auf.)

ANNA
Setzt euch, meine Damen.

SMETON
(O Liebe, inspiriere mich.)
Die Damen setzen sich. Die Hofleute stellen sich da und dort in verschiedenen Gruppen auf.
Smeton wird eine Harfe gereicht. Er präludiert einen Moment, dann singt er die folgende Romanze:

I.
Ach, zwinge dein Gesicht
nicht zu gespielter Freude:
Deine Traurigkeit ist so schön
wie dein Lächeln.
Selbst von Wolken umgeben
ist das Morgenrot noch schön,
der schwermütige Mond
ist schön in seiner Blässe.
Anna wird nachdenklicher. Smeton fährt mit lebhafterer Stimme fort.
II.
Wer dich so nachdenklich
und schweigsam betrachtet,
hält dich für eine unschuldige Jungfrau,
die ihre erste Liebe ersehnt.
Und vergisst er die Krone,
die dein Haupt bedeckt,
so seufzt er mit dir und meint,
diese erste Liebe zu sein.

ANNA
fährt betroffen auf
Hör auf... Ach, hör auf...

GIOVANNA
Königin!...

SMETON
O Himmel!...

CHOR
(Sie ist verwirrt, bedrückt.)

Kavatine

ANNA
(Wie sehr, unschuldiger Jüngling,
wie sehr hast du mein Herz bewegt!
Die Glut meiner ersten Liebe
ist noch nicht erloschen!
Ach, hätte ich mein Herz nicht
einer anderen Liebe geöffnet,
ich wäre nicht so unglücklich
in meinem eitlen Glanz.)
zu dden Anwesenden
Doch ich denke, es bleiben
nur noch wenige Stunden der Nacht.

GIOVANNA
Der Morgen bricht gleich an...

ANNA
Meine Herren, ich entlasse Euch.
Es ist eitle Hoffnung, jetzt noch
auf die Ankunft des Königs zu warten.
Gehen wir, Seymour.

Sie stützt sch auf sie.

GIOVANNA
Was bewegt Euch?

ANNA
Könntest du doch in mir lesen!
Kein Blick vermag
in mein bekümmertes Herz vorzudringen:
Das grausame Schicksal
verdammt mich zu ungehörten Seufzern.
Ach, wenn dich je der Glanz
eines königlichen Throns verführt,
soll mein Schmerz dich erinnern,
dich nicht verlocken zu lassen.

GIOVANNA
(Ich wage nicht, zu ihr aufzublicken,
ich wage nicht zu sprechen.)

CHOR
(Möge der Schlaf ihr
ein wenig Ruhe bringen.)

Anna geht, begleitet von Seymour und von ihren Damen.
Die Versammlung löst sich allmählich auf. Die Bühne leert sich und es bleibt als einziges Licht eine grosse Lampe, die den Saal erleuchtet.


VIERTE SZENE
Giovanna kommt aufgeregt aus den Gemächern der Königin zurück.


GIOVANNA
Oh! Wie sie gesprochen hat!
Wie traf sie mich ins Herz! -
Sollte ich mich etwa verraten, mich enthüllt haben?
Sollte sie in meinem Gesicht die Missetat gelesen haben? -
Ach nein, sie drückte mich liebevoll an ihre Brust.
Sie ruht, nicht ahnend, dass sie eine Schlange umarmte.
Könnte ich doch den Fuss aus diesem Abgrund zurückziehen
und den Lauf der Zeit ungeschehen machen. -
Ach weh, mein Schicksal ist bestimmt,
im Himmel bestimmt wie der jüngste Tag.
Es klopft an eine Geheimtür
Da ist er, da ist der König!...

Sie öffnet.


FÜNFTE SZENE
Enrico, die Vorige


ENRICO
Zittert Ihr?...

GIOVANNA
Ja, ich zittere.

ENRICO
Was macht sie?

GIOVANNA
Sie ruht sich aus.

ENRICO
Ich nicht.

GIOVANNA
Ruhe ich etwa? -
Dies muss unser letztes Stelldichein sein …
das letzte, mein Herr. Ich flehe Euch an …

ENRICO
So wird es sein.
Im Licht der Sonne müssen wir uns fortan sehen:
Himmel und Erde sollen wissen, dass ich Euch liebe.

GIOVANNA
Niemals, niemals … Unter der Erde
möchte ich meine Schande verbergen.

ENRICO
Enricos Liebe ist Ruhm...
Dies war sie auch für Anna
in den Augen von ganz England.

GIOVANNA
Nach der Hochzeit war sie es...
Nur nach der Hochzeit.

ENRICO
Auf diese Weise
liebt mich Seymour?

GIOVANNA
Und liebt mich der König auch so?

ENRICO
Undankbare, was begehrt Ihr?

GIOVANNA
Liebe und Ruhm.

ENRICO
Ruhm! Den sollt Ihr haben, so viel,
dass er auf Erden nicht seinesgleichen hat.
Mein ganzer Glanz soll sich
allein auf Euch ausbreiten.
Seymour wird keine Rivalin haben,
so wie die Sonne keine Rivalin hat.

GIOVANNA
Mein Ruhm liegt zu Füssen des Altars:
anderswo ist mir Schande beschieden.
Und dieser Altar ist mir verwehrt,
das weiss der Himmel, das weiss der König.
Ach, wenn es wahr ist, dass der König mich liebt,
so wird ihm auch meine Ehre lieb sein.

ENRICO
gekränkt
Ja... Ich verstehe Euch.

GIOVANNA
O Himmel!
Und so vie Zorn ist in Euch?

ENRICO
Zorn und Schmerz.

GIOVANNA
Herr!...

ENRICO
Ihr liebt allein den König.

GIOVANNA
Ich!

ENRICO
Euch liegt nur am Thron.
Auch Anna versprach mir Liebe
und liebäugelte dabei mit dem englischen Thron...
Auch sie begehrte die Krone
der stolzen Aragonierin …
Sie bekam sie, doch sie hatte sie kaum,
da schwankte sie auch schon auf ihrem Haupt.
Zu ihrem Schaden, zu ihrem Leid,
brachte das Herz einer anderen Frau sie zum Wanken.

GIOVANNA
Ach, nicht ich versprach Euch
dieses zu Unrecht gekränkte Herz...
Mein König hat es mir geraubt.
Möge mein König es mir zurückgeben.
Unglücklicher noch als Bolena,
beklagenswerter werde ich sein.
Ich werde die Strafe einer Verstossenen erdulden,
ohne einen Gemahl beleidigt zu haben.

entfernt sich weinend

ENRICO
Du verlässt mich?

GIOVANNA
Ich muss.

ENRICO
Warte,

GIOVANNA
Ich kann es nicht.

ENRICO
Warte: Ich will es.
Man bereitet bereits den Altar für dich:
Du wirst Gemahl, Szepter und Thron haben.

GIOVANNA
Himmel!... Und Anna?

ENRICO
Ich hasse sie...

GIOVANNA
Ach! Herr...

ENRICO
Der Tag der Strafe ist gekommen.

GIOVANNA
Ach, für welche Schuld?

ENRICO
Die schwärzeste.
Sie gab mir ein Herz, das nicht das ihre war...
Sie betrog mich, noch bevor sie meine Gattin war,
als Gattin noch betrog sie mich.

GIOVANNA
Und ihr Ehebund?

ENRICO
Der König löst ihn.

GIOVANNA
Mit welchem Mittel?

ENRICO
Ich allein weiss es.

GIOVANNA
Ach, ich wage nicht danach zu fragen …
Das bedrückte Herz lässt es nicht zu …
Doch erlaubt mir zu hoffen,
dass es keine Grausamkeit ist.
Möge mich ein königlicher Gemahl
nicht noch mehr Gewissensqualen kosten,
ich bitte Euch!

ENRICO
Beruhige das zweifelnde Herz,
besänftige den Geist deines Königs.
Er soll dich fortan glücklicher sehen
über die Liebe, die dich zur seinen macht.
Deinen Frieden, deine Ruhe
will ich, und so wird es sein.

Enrico tritt durch die Geheimtür ab.
Giovanna tritt in die Gemächer.



SECHSTE SZENE
Im Park von Schloss Windsor.
Es ist Tag.
Percy und Rochefort von verschiedenen Seiten.


Rezitativ und Kavatine

ROCHEFORT
begegnet Percy
Wen sehe ich? … In England,
Du, mein Percy?

Sie umarmen sich.

PERCY
Ein Befehl Enricos ruft mich zurück, Freund...
Ich soll ihn hier treffen,
wenn er sich auf die Jagd begibt.
Nach so langer Verbannung
unter dem heimatlichen Himmel
die Luft von einst zu atmen,
ist Freude für jedes Herz -
für das meine ist es bitter.

ROCHEFORT
Lieber Percy! Der Kummer hat dich nicht so sehr verändert,
dass ich dich nicht gleich wiedererkannt hätte.

PERCY
Mein Schmerz steht mir nicht ins Gesicht geschrieben:
Er hat sich tief im Herzen angehäuft.
Ich wage nicht, o Freund, nach deiner Schwester zu fragen...

ROCHEFORT
Sie ist Königin … Dies ist ihre einzige Freude.

PERCY
So hat das Gerücht die Wahrheit gesagt?...
Sie ist unglücklich?... Der König verändert?...

ROCHEFORT
War ein zufriedenes Herz je von Dauer?

PERCY
Das sagst du gut...
Das ihre lebt der Hoffnung beraubt wie meines.

ROCHEFORT
Sprich leise.

PERCY
Was habe ich zu fürchten?
An dem Tag, als ich sie verlor
und verzweifelt ins Exil zog,
an dem Tag, als ich über das Meer fortzog,
begann mein Tod.
Jedes Licht erlosch für mich,
ich trennte mich von den Lebenden:
Jedes Land, in dem ich mich niederliess,
schien mir mein Grab zu sei.

ROCHEFORT
Bist du gekommen,
um deine Lage in ihrer Nähe zu verschlimmern?

PERCY
Gedankenlos, ohne Mut
folge ich blind meinem Schicksal.
Doch manchmal, in so schlimmem Schmerz,
lacht mir in Gedanken die Gewissheit,
dass die Schicksalsgöttin mein Unglück rächte,

Man hört den Klang von Jagdhörnern

ROCHEFORT
Die Jagdgesellschaft versammelt sich...
Sei still: Es könnte dich jemand hören.


SIEBTE SZENE
Von allen Seiten treten Gruppen von Jägern auf.
Im Bühnenhintergrund herrscht reges Treiben.
Pagen, Knappen und bewaffnete Wachsoldaten laufen herbei.


CHOR
Heda! Die Pagen,
die Knappen schnell herbei...
Macht die Hunde bereit.
Sattelt die Pferde.
Der König kommt heute Morgen
früher als sonst.

PERCY
Und auch Anna!...

ROCHEFORT
Beruhige dich.
Vielleicht ist sie nicht bei ihm.

PERCY
Ach, so fühlte ich
in den glücklichen Tagen der ersten Liebe
mein Herz klopfen,
wenn ich sie wiedersehen sollte.
Barmherziger Himmel, gib mir nur einen
dieser süssen, schönen Momente wieder.
Danach nimm mir mein Leben,
damit ich vor Freude sterbe.

CHOR
Der König kommt: Stellt euch auf...
Erweist dem König Ehre.


ACHTE SZENE
Die Anwesenden stellen sich in zwei Reihen auf. Rochefort zieht Percy beiseite.
Enrico tritt auf und schreitet durch die Reihen.
In diesem Augenblick erscheint Anna in Begleitung ihrer Hofdamen.
Percy stellt sich so hin, dass Enrico ihn sehen muss.
Hervey, die Wachen.

Szene und Quintett

ENRICO
Schon so früh wach
und der Ruhe entzogen?

ANNA
Stärker als der Wunsch nach Ruhe
war jener, Euch zu sehen.
Viele Tage sind vergangen
ohne dass ich mich des Anblicks
meines Herrn erfreute.
ENRICO
Ich habe viele schwere Sorgen auf dem Herzen.
Doch meine Gedanken waren stets auf Euch gerichtet:
Nicht einen einzigen Augenblick
wandte ich meinen wachsamen Blick von Euch ab. -
Ihr hier, Percy!

ANNA
(Himmel! Wen sehe ich … Riccardo!)

ENRICO
Tretet näher!

PERCY
(Ich zittere.)

ENRICO
Ihr wart sehr schnell...

PERCY
Hätte ich nur einen Augenblick gezögert, Sir,
meine Dankbarkeit zu zeigen,
andere hätten es für einen Irrtum gehalten,
mir schien es ein Verbrechen.
Ich küsse ergeben die Hand,
die mich Verstossenen in die Heimat
und das Haus meines Vaters zurückführt...

ENRICO
Nicht Enricos Hand.
Eurer Unschuld
versicherte mich schon vor langer Zeit,
wer, mit Euch genährt und mit Euch aufgewachsen,
die Reinheit Eurer Seele kennt.
Anna...

PERCY
Anna!...

ANNA
(Verrate mich nicht, mein Herz!)

PERCY
Ihr, Königin!... Ist es wirklich wahr,
dass Ihr an mich dachtet?

ANNA
Das ganze Reich...
hielt Euch für unschuldig …
und trat für Euch ein...

ENRICO
Und ich hielt Euch für unschuldig,
weil Anna es tat,
obgleich auch das ganze Reich, glaubt mir,
für Euch bürgte.

PERCY
Ach, Königin!

kniet vor ihr nieder und küsst ihre Hand

ANNA
O Gott! Steht auf.

ROCHEFORT
(Er verliert den Verstand!)

ENRICO
mit grösster Gleichgültigkeit
Hervey.

HERVEY
Herr.

Percy geht zu Rochefort. Enrico bleibt auf der gegenüberliegenden Seite mit Hervey stehen.
Anna steht in der Mitte und versucht, ihre Verwirrung zu verbergen.


ANNA
(Ich fühlte seine Tränen
über meine Hand rinnen...
Die glühendste Flamme breitet sich
in meinem Herzen aus.)

PERCY
zu Rochefort
(Ach, sie dachte an mich in der Ferne,
sie ertrug es nicht, dass ich umherirrte.
Mein Herz vergisst allen Kummer,
ich lebe wieder auf, ich hoffe noch.)

ROCHEFORT
zu Percy
(Ach, was tust du! Beherrsche dich, Törichter,
alle Blicke sind auf dich gerichtet.
Die Verwirrung deines Herzens
steht dir im Gesicht geschrieben.)

ENRICO
zu Hervey
(Dir obliegt es, dafür zu sorgen,
dass der grosse Plan nicht fehlschlägt.
Erkunde beharrlich
jeden Schritt und jedes Wort.)

HERVEY
zu Enrico
(Nicht umsonst vertraut mir mein König
seinen Plan an.
Ich werde, darauf gebe ich mein Wort,
seine Befehle ausführen.)
CHOR
(Was st geschehen? So milde und menschlich
der König heute, so heiter seine Miene?
Sein Lächeln lügt, es verkündet Zorn.)

ENRICO
zu Percy, mit der grössten Güte
Nun, da Ihr zu den beimischen Gestaden zurückgekehrt
und gänzlich freigesprochen seid,
hoffe ich doch sehr, dass Ihr an meinem Hof,
unter meinen Getreuen bleibt.

PERCY
Von Natur aus traurig, o Herr,
für ein düsteres Leben bestimmt …
könnte ich dies schlecht …

ENRICO
ihn unterbrechend
Doch, doch, ich will es.
Rochefort, ich vertraue ihn dir an.
Und nun lasst uns auf die Jagd gehen …
ungezwungen
Anna, leb wohl.

ANNA
verneigt sich
(Ich bin ausser mir.)

Die Hörner blasen zur Jagd.
Alle bewegen sich und bilden verschiedene Gruppen.


ALLE
Dieser Tag, der für uns/Euch
unter so freudigen, günstigen Vorzeichen begann,
wird von den glücklichsten Ereignissen gekrönt erstrahlen.

PERCY, ANNA
(Ach, möge er für mich nicht getrübt sein,
wenn er am Himmel untergeht.)

ENRICO
(Das freundliche Schicksal wird ein weiteres Opfer
in meine Schlingen führen.)

Anna geht mit den Damen, Enrico mit dem ganzen Jagdgefolge ab.
Rochefort nimmt Percy nach einer anderen Seite mit sich fort.



NEUNTE SZENE
Kabinett im Schloss, das zu Annas Gemächern führt.
Smeton allein.


Szene und Kavatine

SMETON
Der Raum ist verlassen...
Die Damen sind anderswo
mit ihren Pflichten beschäftigt...
Und wenn mich eine hier sähe,
weiss sie wohl, dass mich Anna
in diese verborgensten Gemächern
bisweilen zum privaten Musizieren bittet.
Er zieht ein Bildnis aus der Brust
Ich muss dieses teure,
von mir entwendete Bild zurücklegen,
bevor man meine Verwegenheit entdeckt.
Ein Kuss noch, ein Kuss, angebetete Züge...
Leb wohl, Schönheit, die du an mein Herz legtest,
und mit meinem Herzen zu beben schienst.

Ach, es war, als ob du durch Zauber
auf meine Qualen antwortetest,
als ob jeder Tropfen meiner Tränen
einen Seufzer in dir erweckte.
Bei diesem Anblick enthüllte dir das verwegene Herz
voller Hoffnung und Verlangen
das verzehrende Feuer,
das ich ihr nicht zu enthüllen wage.
Er will ins Zimmer treten.
Ich höre ein Geräusch …
Jemand nähert sich diesen Gemächern …
Ich habe zu lange gezögert …

Er verbirgt sich hinter einem Vorhang.


ZEHNTE SZENE
Anna und Rochefort.


Szene, Duett und 1. Finale

ANNA
Genug … Du gehst zu weit …
Du drängst mich zu sehr, Bruder...

ROCHEFORT
Wolltest du nur einen Augenblick zuhören:
Glaube mir, du läufst keine Gefahr...
Wohl aber läufst du Gefahr, und zwar grosse,
wenn du mit deiner Härte bewirkst,
dass der Schmerz allen Verstand in ihm übermannt.

ANNA
Genug! Ich war also der Grund für seine Rückkehr!
Nun gut... dann bring ihn mir und achte wachsam,
dass niemand zu uns kommt, der mir nicht treu ist.

ROCHEFORT
Verlass dich auf mich …

Er geht ab.


ELFTE SZENE
Anna, Smeton verborgen


SMETON
zeigt sich vorsichtig
(Kann ich nicht hinaus?... Was tun?)

ANNA
Ich war schwach...
Ich hätte mich standhaft weigern sollen,
ihn jemals wiederzusehen...
Ach, vergeblicher Rat meines Verstandes.
Das feige Herz hört nicht auf seine Stimme.


ZWÖLFTE SZENE
Percy und Anna.


ANNA
Da kommt er!... Ich zittere!... Ich erstarre!

PERCY
Anna!...

ANNA
Riccardol
Unsere Worte seien kurz, vorsichtig und leise. -
Kommst du etwa, um mir die verratene Treue vorzuwerfen?
Du siehst, ich habe reichlich dafür gebüsst:
Voll Ehrgeiz wollte ich eine Krone,
und ich bekam eine Krone aus Dornen.

PERCY
Ich sehe dich unglücklich, und der Zorn ist vorüber.
Sieh meine von Schmerz zerfurchte Stirn:
Ich verzeihe dir. Ich fühle, dass ich an deiner Seite
den vergangenen Kummer vergessen könnte,
wie der schiffbrüchige Seemann am Ufer die Fluten vergisst.
Du beruhigst jeden Sturm in mir, mein Licht kommt von dir...

ANNA
Unglücklicher!
Und welche Hoffnung verleitet dich nun?
Weisst du nicht, dass ich verheiratet bin? …
Dass ich Königin bin? …

PERCY
Oh, sag es nicht. Ich darf und will es nicht wissen.
Für mich bist du Anna, nur Anna.
Und ich, bin ich nicht immer noch dein Riccardo? …
Der dich so sehr liebte … Der dich als erster die Liebe lehrte...?
Und hasst dich nicht der König ...?

ANNA
Er hasst mich, das ist wahr.

PERCY
Wenn er dich hasst, ich liebe dich noch,
wie ich dich in niederem Stand liebte.
Vergiss mit mir die Verachtung
und die Grausamkeit eines undankbaren Gatten.
Stelle einen Geliebten, der dich anbetet,
nicht hinter einen ruchlosen Herrscher.

ANNA
Ach, du weisst nicht, wie furchtbar
meine heiligen Bande sind …
Dass mit mir Argwohn und Schrecken
auf dem Thron sitzen!...
Ach, wenn es wahr ist, dass du mich liebst,
so sprich nie wieder von Liebe zu mir.

PERCY
O weh! Grausame!

ANNA
Wahnsinniger!
Verschwinde, geh… Ich bitte dich.

PERCY
Nein, niemals.

ANNA
Das Schicksal stellt uns
ein unbezwingbares Hindernis entgegen.

PERCY
Ich verachte es.

ANNA
Der neue Morgen
soll dich nicht in England finden

PERCY
Ach, er soll mich als Leichnam
unter der Erde finden … oder noch bei dir.

ANNA
Aus Mitleid mit meiner Angst,
mit dem Entsetzen, in dem du mich siehst,
weiche meinen Bitten, weiche meinen Tränen,
mögen Land und Meer uns trennen.
Suche anderswo ein glückliches Herz,
das zu lieben kein Verbrechen ist.

PERCY
Durchbohrt und tot werde ich dir zu Füssen fallen,
wenn du es wünschst.
Aber erlaube mir zu bleiben,
nur um zu seufzen.
In deiner Nähe ist es eine Freude für mich,
zu dulden und zu leiden
ANNA
entschlossen
Geh, ich will es.
Es könnte dich jemand in diesen Mauern hören.

PERCY
Ich werde gehen... Aber sag mir erst,
werde ich dich wiedersehen?... Versprich es... schwöre.

ANNA
Nein. Nie wieder.

PERCY
Nie wieder! So sei dies
meine Antwort auf deinen Schwur.

Er entblösst sein Schwert, um sich zu durchbohren.

ANNA
stösst einen Schrei aus
Ach! Was tust du! Elender!


DREIZEHNTE SZENE
Smeton, die Vorigen


SMETON
Halte ein!

ANNA
Gütiger Himmel!

PERCY
Komm nicht näher.

Sie wollen sich aufeinander stürzen.

ANNA
Ach, haltet ein... Ich bin verloren:
Es kommt jemand … Ich halte es nicht mehr aus.

Sie sinkt auf einen Stuhl.


VIERZEHNTE SZENE
Rochefort, der erschrocken herbeieilt, die Vorigen


ROCHEFORT
Ach, Schwester...

SMETON
Sie ist ohnmächtig.

ROCHEFORT
Der König kommt.

SMETON und PERCY
Der König!!


FÜNFZEHNTE SZENE
Enrico, Hervey, die Vorigen


ENRICO
Was sehe ich?
Bewaffnete Hände in diesen Räumen!
Blanke Schwerter in meinem Schloss!
Wachen, herbei.


SECHZEHNTE SZENE
Auf das Rufen des Königs eilen die Hofleute, die Damen, Pagen und Soldaten herbei.
Danach Giovanna Seymour.


PERCY
Feindseliges Schicksal!

CHOR
Was ist bloss geschehen?

SMETON und ROCHEFORT
Was sagen? Was tun?

Ein Moment des Schweigens.

ENRICO
Alles schweigt, alle zittert!
Welche Untat wurde hier geplant
Ich lese in euren Gesichtern,
dass mir Schande bereitet wurde.
Das ganze Königreich ist Zeuge,
dass sie den König verriet.

SMETON
Herr … ach, Herr... Es ist nicht wahr.
Ich schwöre es zu Euren Füssen.

ENRICO
Du wagst es! -
Schon so erfahren im Verrat, Jüngling?

SMETON
Tötet mich, wenn ich lüge.
Ich biete Euch meine nackte, unbewaffnete Brust

Annas Bild fällt ihm zu Boden.

ENRICO
Was ist das für ein Schmuckstück?

SMETON
O Himmel!

ENRICO
Was sehe ich!
Ich traue meinen Augen kaum!
Dies ist der wahre Beweis
für ihren schändlichen Verrat.

PERCY
Anna! Oh, wie furchtbar!

SMETON und ROCHEFORT
Oh, wie entsetzlich!

ANNA
kommt wieder zu sich
Wo bin ich?... O mein Herr!

Sie geht auf Enrico zu. Dieser bebt.
Alle schweigen und senken den Blick.


ANNA
In diesen Augen sehe ich
deinen Verdacht geschrieben
Aber ich bitte dich, hab Mitleid,
verdamme mich nicht, o König.
Lass das bedrückte Herz
erst wieder zu sich kommen.

ENRICO
Sieh in meiner Hand den Beweis
für deine schändliche Missetat.
Dein Weinen nützt dir nichts.
Geh mir aus den Augen.
Es wäre besser für dich,
du könntest jetzt sterben.

PERCY
(Himmel!
Er ein Rivale, mein glücklicher Rivale!
Und mich wollte die Verräterin
von sich verbannen?
Oh, möge der ganze Zorn des Schicksals
über mir wüten.)

GIOVANNA
(O Himmel,
und ich kann bei der Unglücklichen sein!
Warum ist mein Herz nicht von Entsetzen,
von Schaudern ergriffen?
Meine schändliche Missetat
hat alle Tugend in mir getilgt.)

SMETON und ROCHEFORT
(Ach, ich selbst habe sie vernichtet,
ich machte ihr Unglück vollkommen!
Es wird finster um mich,
die Füsse tragen mich nicht mehr.
Es wäre besser für mich,
ich könnte jetzt sterben.)

ENRICO
Führt sie alle
in getrennte Gefängnisse.

ANNA
Alle?... Ach, Herr...

ENRICO
Verschwinde!

ANNA
Ein einziges Wort...

ENRICO
Zurück!
Nicht ich, allein die Richter
sollen deine Verteidigung anhören.

ANNA
Richter! - Über Anna!!

PERCY, SMETON, ROCHEFORT
O weh! Die Arme.

GIOVANNA und CHOR
(Ihr Tod steht bereits geschrieben!)

ANNA
(Ach, mein Schicksal ist besiegelt,
wenn mich anklagt, wer verurteilt.
Ach, der Macht eines so tyrannischen Gesetzes
werde ich erliegen.
Aber nach meinem Tod
wird mir Gerechtigkeit widerfahren,
und ich werde freigesprochen werden.)

ENRICO
(Ja, dein Schicksal ist besiegelt,
wenn ich einen Verdacht finden kann.
Wer meinen Thron teilt,
darf auf Erden keine Fehler haben.
Dein Tod wird mir Leid tun,
doch ich werde dich töten.)

PERCY, GIOVANNA, SMETON, ROCHEFORT
(Ach, mein Schicksal ist besiegelt,
um ihm zu entgehen, ist jede Tat umsonst:
Keine Kunst auf Erden, keine menschliche Kraft
vermögen es noch zu mildern.
Ich bin noch nicht gestorben,
doch in meinem Herzen ist bereits der Tod.)

CHOR
(Ach, mit wie viel Unglück betrübte
das feindliche Schicksal den englischen Thron.
So unheilvoll wie dieses, das nun hereinbrach,
kam noch keines über ihn.
Die Unschuld bekommt hier den Tod,
den das Verbrechen angestiftet.)



ZWEITER AKT
Kabinett, das zu den Gemächern führt, in welchen Anna bewacht wird.

ERSTE SZENE
Annas Damen, Wachen an der Türe


Einleitung

CHOR der DAMEN
Oh, wohin nur sind sie gegangen,
die schändlichen Schmeichlerinnen,
die sich um sie scharten,
in ihren glücklichen Tagen!
Selbst Seymour wandte sich von ihr ab.
Aber wir, Unglückliche,
wir werden immer bei dir sein,
ob nun dein Triumph bevorsteht,
oder deine schwerste Niederlage.
Das Schicksal hat dir wenige,
aber liebevolle Herzen gelassen.
Da kommt sie...
Betrübt und blass
bewegt sie sich nur mühsam fort.

Anna tritt ein. Alle umringen sie. Anna setzt sich.


ZWEITE SZENE
Anna, die Vorigen. Danach Hervey mit Soldaten.


CHOR der DAMEN
Königin! … Fasst wieder Mut,
vertraut auf den Himmel.
Die Tränen haben ein Ende,
Tugend kann nicht vergehen.

ANNA
O meine treuen, einzigen Trostspenderinnen,
die mir in meinem Unglück geblieben sind:
Es ist wahr, jede Hoffnung ruht im Himmel,
in ihm allein...
Auf Erden gibt es keinen Schutz vor meinem Verderben.
Hervey tritt auf
Was bringst du, Hervey?

HERVEY
Königin!!...
Ich bedaure den schmerzlichen Auftrag,
zu dem der Rat des Oberhauses mich ausersieht.

ANNA
Nun? Rede.
HERVEY
Er ruft diese Damen zu sich.

CHOR
Uns!!

ANNA
Der König besteht also
auf seinem Vorhaben!
Wird er mein Herz so sehr verwunden?...

HERVEY
Was kann ich sagen?

ANNA
Man muss vor dem königlichen Willen
sein Haupt neigen, wie er auch laute.
Ihr seid Zeugen für meine Unschuld...
liebevolle Freundinnen...

CHOR
Oh, unheilvoller Tag!

ANNA
umarmt sie
Geht.

Die Damen gehen mit Hervey ab.


DRITTE SZENE
Anna, danach Giovanna Seymour


Szene und Duett

ANNA
hebt, nachdem die Damen gegangen sind, die Hände zum Himmel,
kniet nieder und sagt:

Gott, der du in meinem Herzen liest,
ich wende mich an dich …
Urteile du, ob ich diese Schmach verdiente.

Sie setzt sich und weint.

GIOVANNA
(Die Betrübte weint…
Ach, wie soll ich ihren Blick ertragen?)

ANNA
Ach! Der Kummer
der unglücklichen Aragonierin darf nicht ungesühnt sein,
und deine Strenge bestimmt mir eine schreckliche Strafe...
Aber sie ist zu schrecklich...

GIOVANNA
geht weinend auf sie zu, kniet vor ihr nieder und küsst ihre Hand
O meine Königin!

ANNA
Seymour! .. Du kommst zu mir zurück!...
Du hast mich nicht vergessen?... Steh auf...
Was sehe ich? Du erbleichst ja! … Zitterst?...
Überbringst du mir etwa ein neues Unglück?

GIOVANNA
Ein entsetzliches... furchtbares!
Könnte ich Euch Freude bringen? Ach nein!...
Hört mich. Es werden solche Intrigen ersonnen,
dass Ihr verloren seid.
Der König will um jeden Preis
die unseligen Bande brechen,
die Euch an ihn binden...
Zumindest Euer Leben...
wenn schon nicht den königlichen Namen …
so rettet doch wenigstens Euer Leben!

ANNA
Und wie? Erkläre dich.

GIOVANNA
Ich fürchte mich, es zu sagen...
und doch muss ich.
Wenn Ihr Euch schuldig bekennt,
löst Ihr Euch vom König und entreisst Euch dem Tod.

ANNA
Was redest du?

GIOVANNA
Das Schicksal, das Euch verfolgt,
lässt Euch keinen anderen Ausweg.

ANNA
Und du kannst mir das raten!! …
Du, meine Seymour!! …

GIOVANNA
Ach! Ich flehe Euch an …

ANNA
Ich soll mit Schmach
mein Leben erkaufen?

GIOVANNA
Wollt Ihr lieber Schmach und Tod? …
Königin! … O Himmel! Gebt nach …
Der König rät es Euch …
Es beschwört Euch die Unglückliche,
die Enricos Liebe für den Thron ausersehen hat.

ANNA
Oh! Wer ist sie?
Kennst du sie? Rede.
Hatte sie die Frechheit, mir zu Feigheit zu raten?…
Zu Feigheit, ihrer Königin! …
Sag: Wer ist sie?

GIOVANNA
schluckzend
Eine Unglückliche …

ANNA
Und zu einer solchen hat sie mich gemacht.
Gottes strafender Arm
möge auf sie niederfallen.

GIOVANNA
Ach, hör mich an.

ANNA
Ihr schändliches Herz
soll gleich meinem zerrissen werden.

GIOVANNA
Ach, Vergebung!

ANNA
Aus Dornen
soll die Krone sein, die sie begehrt.
immer zorniger; Giovanna wird allmählich verstört
Auf dem Kissen des königlichen Bettes
soll sie Schlaflosigkeit und Misstrauen finden...
Zwischen ihr und ihrem schändlichen Gatten
soll mein drohender Geist auftauchen...
Und das Beil, dass mir gegönnt wird,
soll, grausamer noch, der König ihr verwehren.

GIOVANNA
Entsetzliches Urteil! … Ich sterbe … Ach, hör auf!
Ach, hab Mitleid … mit mir!

Sie kniet nieder und umschlingt Annas Knie.

ANNA
Du!! … Was höre ich?

GIOVANNA
Ach, die Verräterin
kniet zu deinen Fussen.

ANNA
Meine Rivalin!!

GIOVANNA
Aber von Gewissensqualen
gepeinigt … und unglücklich.

ANNA
Fort … fort …

GIOVANNA
Ach nein, Vergebung:
Ich bin von meinem Herzen bestraft …
immer leidenschaftlicher; Anna lässt sich allmählich erweichen
Unerfahren … geschmeichelt …
wurde ich verführt und geblendet …
Ich liebe Enrico, und ich schäme mich dafür …
Diese Liebe quält mich zu Tode …
Ich seufze und weine, aber die Liebe
wird durch meine Tränen nicht erstickt.

ANNA
Steh auf … Ach, steh auf … Die Schuld trägt allein,
wer eine solche Flamme in dir entzündete.
Sie hebt sie auf und umarmt sie
Geh, Unglückliche, und nimm
Bolenas Vergebung mit.
In meinem blinden, rasenden Schmerz
wünschte ich dir eine schreckliche Strafe …
Nun bitte ich Gott für dich um Gnade,
und sie wird dir gewährt werden.
Möge dir in diesem Lebewohl
meine Liebe, mein Erbarmen bleiben.

GIOVANNA
Ach, deine Vergebung ist schlimmer
als die Verachtung, die ich fürchtete.
Zur Strafe für das Verbrechen, das ich beging,
lässt du mir einen Thron.
Dort erwartet mich ein gerechter Gott,
der keine Vergebung für mich hat.
Ach, dieses Lebewohl ist die erste
der Qualen, die er mir bereitet.

Anna tritt wieder in ihre Gemächer,
Giovanna geht zutieftst betrübt ab.



VIERTE SZENE
Vorhalle zum Versammlungssaal des Rats.
Die Türen sind geschlossen und alle Eingänge werden von Wachen bewacht.
Chor der Hofleute, danach Hervey.


Chor, Szene und Terzett

CHOR I
Nun? Wer von den Schuldigen
wurde vor die Richter geführt?

CHOR II
Smeton.

CHOR I
Hat der Jüngling etwa
eine Missetat enthüllt? …

CHOR II
Noch weiss man nichts von der Untersuchung:
Er ist noch immer verschlossen.

ALLE
Ach, der Himmel möge verhindern,
dass sein schwaches und unerfahrenes Herz
sich von Hoffnung oder Furcht
verleiten oder besiegen lässt.
Möge er niemals vergessen,
dass der Kläger der König ist.
Die Türen öffnen sich. Hervey tritt heraus.
Da kommt Hervey.

HERVEY
zu den Soldaten, die abgehen
Führt Anna und Percy herbei.

CHOR
ihn umringend
Was ist geschehen?

HERVEY
Smeton hat geredet.

CHOR
Sollte der Unbedachte
Anna beschuldigt haben?

HERVEY
Er enthüllte ein Vergehen,
das uns erzittern und erröten liess.
Sie ist verloren.

CHOR
O weh! Die Arme!
(Der Kläger ist der König.)


FÜNFTE SZENE
Enrico, Hervey und Chor


HERVEY
Verschwindet … Der König kommt...

Der Chor zieht sich zurück.

HERVEY
Was hält Euch
von der Versammlung fern?

ENRICO
Meine Anwesenheit wäre unangebracht.
Der erste Schlag ist erfolgt;
wer ihn versetzte, bleibe verborgen.

HERVEY
Oh! Wie Smeton
in die Falle ging!

ENRICO
Der blinde Jüngling kehre in seinen Kerker zurück,
er soll weiter glauben, bis die Stunde meiner Rache vorüber ist,
dass er Anna das Leben gerettet hat.
Sie kommt …

HERVEY
Und von dort
wird Percy von seinen Bewachern herbeigeführt.

ENRICO
Gehen wir ihnen aus dem Weg.


SECHSTE SZENE
Anna und Percy von entgegengesetzten Seiten, inmitten ihrer Wachen.
Enrico und Hervey.


ANNA
aus der Ferne
Warte, Enrico.
Enrico will gehen.
Warte … und höre mich an.

ENRICO
Der Rat wird dich anhören.

ANNA
Ich werfe mich zu deinen Füssen.
Töte mich, Herr, aber setze mich
nicht der Schmach eines Prozesses aus:
Sorge dafür, dass man meinen königlichen Namen achtet.

ENRICO
Hast du deinen königlichen Rang geachtet?
Als Gattin Enricos liesst du dich zu einem Percy herab.

PERCY
der abseits stehen geblieben
Und du hast es nicht verschmäht,
dich zum Rivalen dieses verachteten Percys zu machen
und ihm die Geliebte zu entreissen.

ENRICO
Verräter! Du wagst es?

PERCY
… Dir die Wahrheit zu sagen. Höre:
Ich werde bald vor einem heiligeren, schrecklicheren
Gericht stehen als dem deinen. Ich schwöre bei diesem …
ich schwöre, dass sie sich nicht gegen dich versündigte …
dass sie mich fortschickte, dass sie ob meiner
verwegenen Hoffnung vor Empörung brannte …

ENRICO
Sie machte einen niedriger Pagen
ihrer Liebe würdiger …
Er gesteht … und führt hundert Zeugen an …

ANNA
heftig
Schweige!
Angesichts dieser widerwärtigen Anschuldigung
vergesse ich meine Würde und rufe laut,
dass du, Herr, Smeton angestiftet hast.

ENRICO
Verwegenes Weib!! …

ANNA
Ich trotze deiner ganzen Macht.
Sie kann mir den Tod bringen, aber keine Schande.
Mein Vergehen ist es, einem edlen Herzen
wie jenem Percys den Thron vorgezogen
und es für das grösste Glück gehalten zu haben,
die Gattin eines Königs zu sein.

PERCY
O grösste Freude!
Nein, du nährtest keine so verwerfliche Liebe …
Dessen bin ich sicher, und mit dieser Gewissheit
erwarte ich freudig mein Schicksal …
Aber du wirst leben... Ja, du wirst leben.

ENRICO
Was höre ich?
Beide werdet ihr sterben, Treulose:
Wer kann euch dem Tod entreissen?
PERCY
Die Gerechtigkeit kann es.

ANNA
Die Gerechtigkeit!! …
Sie ist stumm an Enricos Hof.

ENRICO
Sie lernte zu schweigen,
als eine Königin dir
ihren Platz auf dem englischen Thron
abtreten musste.
Doch sie wird in Kürze sprechen...

PERCY
Und du höre sie an, König:
Wenn sie das Recht erteilt,
eine verratene Ehe zu rächen,
so soll allein die meine gerächt werden …
Dies steht im Himmel geschrieben.
Wir sind verheiratet.

ENRICO
Ihr verheiratet!! …

ANNA
Ah! Was redest du?

ENRICO
Du wagst es?

PERCY
Ich fordere meine Rechte zurück:
Man gebe sie mir wieder.

ENRICO
Und du bist seine Gattin! …

ANNA
wankend
Ich …

PERCY
Kannst du es leugnen?...

ANNA
(Weh mir!...)

PERCY
Seit dem zartesten Alter
warst du die meine, das weisst du.
Du verliesst mich. Ich, unglücklich,
liebte dich auch, als du untreu wurdest.
Wer dich mir raubte,
nimmt dir nun Ehre und Leben...
Ich öffne dir die Arme,
ich gebe dir Leben und Ehre zurück.

ANNA
Ach, welchen Beweis gibst du mir
für dein grossmütiges Herz!
Verdammt sei der Tag, als ich Treulose,
dich für den Grausamen verliess!
Der gerechte Himmel hat mich
für die verratene Treue bestraft...
Ich fand auf den Thron
nichts als Kummer und Schrecken.

ENRICO
(Klar ist der sinnlose Betrug,
klar die Intrige ...
Aber glaubt nicht, schändliches Paar,
dass ich euch jemals Lügen strafe …
Ihr sollt für eure Hinterlist
bestraft werden …
Ihr werdet schlimmeren Kummer,
ihr werdet grösseres Leid erleiden.)
Wachen, führt sie vor den Rat.

ANNA
Bleibst du dabei?

PERCY
Der Rat soll uns anhören.

ENRICO
Geh, gestehe deine früheren Bande.
Fürchte nicht, ich wolle sie lösen.

ANNA
Himmel, erkläre dich ... Schrecklich steht dir
der unterdrückte Zorn ins Gesicht geschrieben.

ENRICO
Ruchloses Paar! Der eigene Betrug
wird auf euer verhasstes Haupt fallen.
Eine andere, der Liebe würdigere Frau
wird Englands Thron besteigen.
Verabscheut, entehrt, verstossen
werden euer Name, euer Blut sein.

ANNA und PERCY
Möge keine andere Frau je erfahren,
wie unheilvoll dein Geschenk ist!
England soll nie mehr die grausamen
Qualen erleben, die man Anna antut!

Anna und Percy werden von den Wachen abgeführt.


SIEBTE SZENE
Enrico, danach Giovanna Seymour


Szene und Arie

ENRICO
Die Gattin Percys war sie, noch vor Enrico!
Percys Gattin!! Niemals. Dies ist eine Lüge,
um sich dem schrecklichen Gesetz zu entziehen,
das sie als meine schuldige Frau verurteilt.
Selbst wenn es wahr wäre: Dann trifft sie
ein nicht minder schreckliches Gesetz …
und ihre Tochter reisst sie mit sich ins Verderben.

GIOVANNA
Herr...

ENRICO
Komm, Seymour … Du bist Königin

GIOVANNA
Ach Herr … Meine Gewissensqual
führt mich zu Euren Füssen.

Sie kniet nieder.

ENRICO
hebt sie auf
Gewissensqual!

GIOVANNA
Bitter, furchtbar, entsetzlich. -
Ich sah Anna... Ich hörte sie …
Ihre Tränen bedrücken mein Herz.
Habt Mitleid mit ihr und zugleich mit mir …
Ich will und kann nicht der Grund für ihren Tod sein …
Mein König empfange mein letztes Lebewohl.

ENRICO
Ich bin mehr als dein König:
Ich bin dein Geliebter, der Geliebte,
der deine Schwüre erhielt, und der sehr bald
vor dem Altar noch Heiligere erhalten wird.

GIOVANNA
Ach, hätte ich sie doch nie ausgesprochen,
diese unheilvollen Schwüre,
die mich ins Verderben führten! Um sie zu sühnen,
Herr, will ich in ferne Verbannung gehen,
wohin kein Blick eines Lebenden gelangt,
wo niemand ausser dem Himmel
den Klang meiner Seufzer hören kann...

ENRICO
Phantasierst du?
Woher dieser seltsame Vorsatz, o Weib?
Hoffst du etwa, Anna zu retten, indem du gehst?
Ich hasse sie noch mehr, weitaus mehr hasse ich sie nun,
da sie dich bekümmert und verwirrt,
da sie selbst deine Liebe auszulöschen vermag.

GIOVANNA
Ach, sie ist nicht erloschen … Sie verzehrt mein Herz!
Bei dieser ungezähmten Flamme,
die ich der Tugend vorgezogen …
Bei diesen bitteren Qualen,
bei den Tränen, die sie mich kostet …
höre meine Bitte …
Anna darf nicht meinetwegen sterben …
Mach mich vor dem Himmel und vor den Menschen
nicht noch mehr schuldig.

ENRICO
Törin! Du weisst nicht …
Die Türen werden geöffnet
Doch beherrsche dich:
Die Versammlung hat sich aufgelöst.

GIOVANNA
Ach, hör mich an...

ENRICO
streng
Beherrsche dich.

Seymour bleibt zutiefst betrübt zurück.


ACHTE SZENE
Hervey mit den Gerichtsbeamten, die das Urteil des Rates überbringen.
Von allen Seiten eilen Hofleute und Damen herbei.


HERVEY
Das Oberhaus tat einstimmig
die königliche Ehe aufgelöst...
Anna, die treulose Gattin,
ist zum Tode verurteilt,
und mit ihr jeder,
der Mittäter oder Anstifter war.

CHOR
Euch, höchster Richter,
untersteht der Urteilsspruch.
Die Gnade des Königs
ist die einzige Hoffnung der Unglücklichen:
Die barmherzigen Könige
sind des Himmels Ebenbild auf Erden.

ENRICO
Ich will darüber nachdenken:
Gerechtigkeit ist die erste Tugend der Könige.

Er nimmt das Urteil aus den Händen der Gerichtsbeamten.
Giovanna geht würdevoll zu Enrico.
Der Chor bleibt in einiger Entfernung stehen.


GIOVANNA
Ach, bedenkt,
dass Himmel und Erde auf Euch blicken,
dass jedes Herz seine Fehler hat,
für die es anderen Gnade schuldet.
Möge Enrico auf das Mitleid hören,
wenn der König zur Strenge neigt.

ENRICO
Genug: Geht hinaus. Das Oberhaus
versammle sich noch einmal vor mir.

CHOR
Möge Enrico auf das Mitleid hören,
wenn der König zur Strenge neigt.

Sie gehen ab. Enrico tritt in den Ratssaal.


NEUNTE SZENE
Vorhalle im Tower zu London.
Der Hintergrund und die Türen sind von Soldaten eingenommen.
Percy, geleitet von Wachen, danach Rochefort.


Szene und Arie

PERCY
Auch du zum Tode verurteilt,
du, der kein Verbrechen beging?

ROCHEFORT
Es ist mein schweres Vergehen,
Annas Bruder zu sein.

PERCY
Oh, in welch schrecklichen Abgrund
habe ich dich gestürzt!

ROCHEFORT
Ich verdiente hineinzufallen,
ich, der ich von blindem Ehrgeiz getrieben
Anna verleitete, nach dem Thron zu trachten.

PERCY
O Freund, dein Schmerz kommt zum meinen hinzu.
Ach, wenn ich noch hoffen dürfte,
dass du unversehrt bleibst,
diese Hoffnung würde mir den Tod
weniger schmerzhaft und bitter machen.

ROCHEFORT
Gehen wir als Starke auseinander...
Es kommt jemand.


ZEHNTE SZENE
Hervey, die Vorigen

HERVEY
Ich verkünde euch ein frohes Ereignis.
Der König schenkt euch beiden gnädig das Leben.

PERCY
Das Leben nur uns!
Und Anna? …

HERVEY
Sie muss ihre gerechte Strafe erleiden.

PERCY
Und er hat mich für so feige,
schuldig leben zu wollen,
während sie unschuldig stirbt!
Kehre zu ihm zurück und sag ihm,
dass ich das schmähliche Geschenk verweigerte.

HERVEY
Was höre ich?
zu Rochefort
Und Ihr?

ROCHEFORT
Ich bin bereit für die Hinrichtung.

Er wirft sich in Percys Arme

PERCY
Lebe du, ich flehe dich an,
du bist weniger traurig und betrübt.
Suche ein Land, in dem ein Unschuldiger
einen sicheren Zufluchtsort findet.
Suche eine Gegend, in der es dir
nicht versagt ist, für uns zu beten.
Ach, jemand soll auf Erden bleiben,
um unser Schicksal zu beweinen.

ROCHEFORT
Ach, Percy! Ich bin nicht minder stark
und standhaft als du.

HERVEY
Entscheidet euch.

ROCHEFORT
Du hast es gehört...

PERCY und ROCHEFORT
Tod.

HERVEY
Führt sie auseinander.

PERCY und ROCHEFORT
Freund! … Leb wohl.

PERCY
Beim Anblick deiner Standhaftigkeit
wird mein Herz wieder heiter.
Ich fürchtete nur deine Strafe,
litt einzig unter deinem Leid.
Der letzten Stunde, die naht,
vermögen wir beide zu trotzen,
denn keiner von uns lässt hier auf Erden
Furcht oder Sehnsucht zurück.

Sie nehmen voneinander Abschied und gehen mit den Soldaten ab.


ELFTE SZENE
Annas Damen kommen aus dem Gefängnis,
in welchem diese eingesperrt ist.


Chor

CHOR
Wer kann sie mit trockenen Augen sehen,
in so viel Kummer, in so viel Leid,
ohne dass es ihm das Herz zerreisst?
Mal stumm und reglos wie ein kalter Stein,
mal lange und rasch ihren Gang abwägend,
mal traurig und blass, als hätte sie Schatten im Gesicht,
ein andermal setzt sie ein Lächeln auf.
Sie ändert so oft ihre Miene,
wie sie in ihrem Wahn, in ihrem Schmerz
Gedanken und Gefühle überkommen.
Wer kann sie mit trockenen Augen sehen etc.


ZWÖLFTE SZENE
Anna kommt aus ihrem Gefängnis.
Sie zeigt sich in vernachlässigter Kleidung und mit entblösstem Haupt.
Sie schreitet langsam voran, tief in Gedanken versunken.
Allgemeines Schweigen.
Die Damen umringen sie bewegt. Anna betrachtet sie aufmerksam und scheint sich aufzuheitern.


Szene und Schlussarie

ANNA
Weint ihr? … Warum so betrübt? …
Dies ist ein Hochzeitstag. Der König erwartet mich …
Der Altar ist angezündet und mit Blumen geschmückt.
Bringt mir schnell mein schneeweisses Kleid,
schmückt mein Haupt mit meinem Rosenkranz …
Percy darf es nicht wissen, der König hat es befohlen.

CHOR
O unheilvolle Erinnerung!
ANNA
Oh! Wer ist betrübt?
Wer sprach von Percy? … Ich will ihn nicht sehen.
Ich will mich vor seinen Blicken verbergen. -
Es ist umsonst. Er kommt, er beschuldigt mich...
Er schreit mich an. Ach, verzeih mir...
Ich bin unglücklich. Befreie mich aus diesem tiefsten Elend...
Du lächelst?... O Freude! ...
Es darf nicht sein, dass ich verlassen her sterbe!

Führ mich
zum lieblichen Heimatschloss,
zu den grünen Platanen,
zum ruhigen Fluss,
der noch unsere Seufzer murmelt.
Dort vergesse ich
den erlittenen Kummer.
Gib mir einen Tag
meiner frühen Jahre zurück,
nur einen Tag
unserer Liebe.

CHOR
Wer kann sie mit trockenen Augen sehen,
in so viel Kummer, in so vie Leid,
ohne dass es ihm das Herz zerreisst?


DREIZEHNTE SZENE
Man hört den Klang von Trommeln. Die Wachen, Hervey und einige Hofleute treten auf.
Anna fährt zusammen.


ANNA
Was für ein trauriger Klang? … Was sehe ich? …
Hervey! Die Wachen? …

Sie betrachtet sie aufmerksam und kommt aus ihrem Wahn wieder zu sich.

HERVEY
zu den Wachen
Geht, und lasst die Gefangenen
aus ihren Kerkern bringen.

ANNA
entsetzt
Ach, in welchem Augenblick holst du mich
aus meinem Wahnsinn zurück, o Himmel!
Warum holst du mich nur zurück?...


LETZTE SZENE
Aus verschiedenen Kerkern kommen Rochefort, Percy und als letzter Smeton


ROCHEFORT und PERCY
Anna!

ANNA
Bruder! …
Und du, Percy! …
Durch mich, durch mich sterbt ihr!

SMETON
Tritt vor und kniet vor Anna nieder
Ich, ich allein habe Euch ins Verderben gestürzt …
Verflucht mich …

ANNA
Smeton! …

Sie weicht betroffen zurück und bedeckt ihr Gesicht mit dem Mantel.

PERCY
Schändlicher!

SMETON
Ach! Ja... das bin ich...
Mit diesem Namen will ich in die Finsternis hinabsteigen.
Ich liess mich vom König verleiten. -
Ich beschuldigte Euch im Glauben, Euch am Leben zu erhalten.
Und zu lügen veranlasste mich ein törichtes Verlangen,
eine Hoffnung, die ich ein ganzes Jahr
im Herzen unterdrückte.
Verflucht mich...

ANNA
Smeton! … Komm her.
Steh auf. Was tust du?
Warum stimmst du nicht deine Harfe?
Wer zerriss ihre Saiten?

Smeton kniet immer noch. Sie hebt ihn auf.

ROCHEFORT
Anna!

PERCY
Was redest du?

DAMEN
Sie phantasiert wieder.

ANNA
Sie verbreiten einen leisen Klang
wie das dumpfe Stöhnen
eines sterbenden Herzens...
Es ist mein verwundetes Herz,
das sein letztes Gebet zum Himmel seufzt.
Hört alle.

ROCHEFORT, PERCY, SMETON
O schreckliche Qual!

CHOR
Sie redet irre.

ANNA
Himmel, meinen langen Qualen
gönne endlich Ruhe,
und lass seine letzten Schläge
wenigstens voll Hoffnung sein.

ALLE
Lass ihren letzten Wahn fortdauern,
barmherziger Himmel,
mach, dass ihre gute Seele
in deinem Schoss erwacht.

Schweigen.
Man hört ferne Kanonenschüsse und das Läuten von Glocken.
Anna kommt allmählich wieder zu sich.


ANNA
Wer weckt mich auf? Wo bin ich? Was höre ich?
Festliche Klänge? Was ist? Redet.

CHOR
Das freudige Volk
umjubelt die Königin …

ANNA
Schweigt... hört auf.
Es bedarf nur noch Annas Blut, um das Verbrechen
zu vollenden, und das wird vergossen werden.

Sie sinkt in die Arme der Damen.

ALLE
Himmel, erspare ihrem verwundeten Herzen
diesen Schlag, den es nicht ertragen kann.

ANNA
Schändliches Paar, in dieser furchtbaren Stunde
wünsche ich nicht die schrecklichste Rache.
Ins Grab, das offen vor mir liegt,
steige ich mit Vergebung auf den Lippen hinab.
Möge sie mir Gnade und Gunst bringen
vor einem barmherzigen Gott.

Sie wird ohnmächtig.

ALLE
Die Unglückliche!... Sie wankt... Sie stirbt!

Die Gerichtsbeamten kommen, um die Gefangene zu holen.

ROCHEFORT, SMETON und PERCY
gehen ihnen entgegen, weisen auf Anna und rufen:
Ein Opfer ist bereits gefallen.