Manon Libretto
Deutsch Übersetzung

Vorspiel

ERSTER AKT
Der Gasthof in Amiens

Der grosse Hof einer Gastwirtschaft in Amiens.
Poussette, Javotte, Rosette, Guillot und de Brétigny treten ein.


GUILLOT
Holla! He! Ist der Wirt nicht da?
Scheint's Ihnen nicht der Mühe wert,
solln ewig wir beim Rufen bleiben?

BRÉTIGNY
Wir haben Durst!

GUILLOT
Und Hunger auch! Holla! He!

BRÉTIGNY
Wolln Sie vielleicht Spott mit uns treiben?

GUILLOT, BRÉTIGNY
Morbleu! Ist das hier so Gebrauch?

GUILLOT
Auf Guillots Wort, das ist kläglich,
das ist grausam und zu hart
für Personen unsrer Art!
BRÉTIGNY
Er ist tot, anders ist's nicht möglich!

GUILLOT, dann BRÉTIGNY
Er ist tot! Er ist Tot!

POUSSETTE
Ei, meine Herren, nur keinen Streit!

GUILLOT, dann BRÉTIGNY
Was soll man tun? Was soll man tun?

GUILLOT
Er hört ja nicht!

POUSSETTE, dann JAVOTTE, dann ROSETTE
zusammen
Beim Rufen bleiben!
Man muss ihn treiben!
Beim Rufen bleiben!

POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE, GUILLOT und BRÉTIGNY
Herr Wirt, das geht doch zu weit,
üben Sie Gastfreundlichkeit! usw.

POUSSETTE
die anderen wiederholen
Wir sind nah dem Hungertode! usw.

JAVOTTE
Ach, habt Mitleid!

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
Wir sind nah dem Hungertode!
Herr Wirt, das ...

BRÉTIGNY
Kommen Sie nicht, so morden wir Sie!
Herr Wirt ...

GUILLOT
Üben Sie Gastfreundlichkeit!
Herr Wirt, das ...

ALLE FÜNF
Herr Wirt!

BRÉTIGNY
So recht! Doch wie! Noch nichts zu hören?

POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE, dann GUILLOT
Noch nichts zu hören?

BRÉTIGNY
Er ist taub für unsre Lehren!

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
Dann noch einmal!

GUILLOT
Schreit nicht zu sehr,
das reizt den Appetit noch mehr!

POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE und BRÉTIGNY
Herr Wirt, das geht doch zu weit!

ALLE FÜNF
Üben Sie Gastfreundlichkeit!

GUILLOT
Ha! Da ist der Verbrecher!

BRÉTIGNY
Nun steh Rede, du Frecher!

WIRT
Lasse ich Sie denn in Not?
Ein Wort entwaffnet Sie:
Man bringt das Mittagsbrot!
Küchenjungen, Schüsseln tragend, kommen aus der Gastwirtschaft.
Hors d'Ïuvres nach Wahl!

DIE ANDEREN
Gut!

WIRT
Und Gemüse sehr reichlich!
Dann Fisch und Huhn!

DIE ANDEREN
Sehr gut!

JAVOTTE
Fisch ist gut!

GUILLOT
Huhn ist gut!

BRÉTIGNY
Sehr gut!

POUSSETTE
Gesegnet sei die Stunde!

DIE ANDEREN
Endlich tönt die Kunde,
unser Mahl beginnt!

BRÉTIGNY
Krebse gibt's, unvergleichlich!

DIE ANDEREN, ohne BRÉTIGNY
Ha! Unvergleichlich!

WIRT
Und dabei für jedes Gericht
alten Wein ...

GUILLOT
zu den Küchenjungen
Schüttelt ihn nur nicht!

WIRT
Und damit das Mahl glänzend schliesse:
gibt's Pastete, mit Verlaub!

ALLE FÜNF
Wie, Pastete?

WIRT
Wir werden sehn:
ein Werk der Kunst!

GUILLOT
Fürwahr!

BRÉTIGNY
Wunderbar!

POUSSETTE
Gesegnet sei die Stunde ...

DIE ANDEREN VIER
Unser Mahl beginnt!

WIRT
Gewiss! Ihrer Mahl beginnt!

DIE FÜNF
Unser Mahl beginnt!
Jeder ist erkenntlich,
wenn er Hunger spürt
und der Ruf ihn führt zur Tafel!
Unser Mahl beginnt!
Zur Tafel! Zur Tafel! Zur Tafel! usw.
Alle gehen in den Pavillon zurück, dessen Fenster und Türen geschlossen werden. Der Wirt bleibt allein.

WIRT
Essen ist sehr schön; man muss aber auch
bezahlen! Und ich gehe ... Doch, vor allem,
denken wir an den Chevalier Des Grieux! Es
wird spät ... Und ich versprach ihm, für einen
Platz in der kommenden Kutsche zu sorgen.
Die Bürger treten auf.
Ah, da sind ja schon die guten Bürgersleute!
Sie begaffen alles, am liebsten eine junge
hübsche Dame, oder bespötteln irgendeinen
Herrn!
Ich hab' bemerkt: Der Mensch lacht über
and're gern!
Die Glocke der Gastwirtschaft ertönt, er geht in das Gastzimmer.

CHOR DER BÜRGER
die sich nach und nach im Hof versammeln
Hört nur, der Glocke Klingen
wird die Kutsche gleich bringen.
Wer kommt, entgeht uns nicht!
Wer steiget aus, ob Herr, ob Dame
entgeht uns nicht!
Prüfen ist unsre Pflicht!

LESCAUT
in Begleitung zweier Gardisten eintretend und sich an sie wendend
Ist dies das Gasthaus,
wo die Kutsche von Arras
eine Weile stille hält?

GARDISTEN
Wohl ist es hier!

LESCAUT
sie entlassend
Adieu!

GARDISTEN
Du könntest uns verlassen?
Lescaut, das glaubt niemand in der Welt!

LESCAUT
Nimmermehr! Nimmermehr! Nimmermehr!
Geht nur in das Wirtshaus nebenan,
es gibt dort einen guten Wein;
meine Cousine erwarte ich eben;
alsdann will ich gleich bei euch sein!

GARDISTEN
Vergiss es nicht!

LESCAUT
Ihr kränkt mich, ihr seid nicht recht klug!

GARDISTEN
Lescaut!

LESCAUT
Genug!
Ihr wisst doch, wie klar ich denke,
wenn sich's handelt um Getränke!
Geht nur! In das Wirtshaus daneben,
es gibt dort einen guten Wein.
Meine Cousine erwart' ich eben!
Alsdann will ich gleich bei euch sein!
Trinkt indessen ein Glas auf mein Wohl!
Glocke. Die beiden Gardisten gehen davon.
Die Glocke ertönt erneut.


BÜRGER
Sie sind da! Sie sind da!

Postillone kommen. Gepäckträger bringen Koffer, Kisten, Schachteln. Mit ihnen kommen männliche und weibliche Reisende, die ihr Gepäck holen wollen. Im Hintergrund die Kutsche, aus der die Reisenden aussteigen.

EINE ALTE DAME
Wie sitzt mein Kopfputz?
Und die Toilette?

BÜRGER
Seht doch die Alte, die Kokette!

EIN REISENDER
He, mein Gepäck!

EIN TRÄGER
Im Augenblick!

BÜRGER
Ach, komisch stehn die auf der Lauer!

EINE REISENDE
Wo sind meine Vögel, in dem Bauer?

EIN REISENDER
He! Postillon!

EINE ANDERE REISENDE
He! Postillon!

EIN ANDERER REISENDER
Postillon!

EINE ANDERE REISENDE
He! Postillon!

EIN ANDERER REISENDER
Mein Koffer!

EINE ANDERE REISENDE
Mir den Korb!

ALLE REISENDEN
Postillon! Postillon! Postillon!
Gebt einem jeden seine Sachen!
Das mir! Das mir! Das mir! Das mir!
Eh' man besteigt so einen Wagen, wär's gut,
man machte erst sein Testament!

POSTILLONE und TRÄGER
Nur nicht so lärmen!
Nein, nein, nein, nein, nein!

ALLE REISENDEN
Gott! Glücklich, wer die Qual nicht kennt!
Eh' man besteigt solch einen Wagen!
Ach! ich sag's,
tät' man gut, das muss ich sagen, man
machte erst sein Testament! usw.

POSTILLONE und TRÄGER
Ach! Glücklich, wer die Qual nicht kennt!
Jeder will nur stöhnen, klagen,
schreit so beim Anfang wie am End',
so geht's am Anfang bis zum End',
so geht's am Anfang bis zum End'! usw.
Ach, glücklich, wer die Qual nicht kennt!
Jeder will nur stöhnen!
Schweigen Sie! Schweigen Sie! Schweigen
Sie! usw.

BÜRGER
Ach! Glücklich, wer die Qual nicht kennt!
Ein jeder hier schreit
so beim Anfang wie am End'!
Gott! Welch ein Aufruhr!
Ach, welch ein Lärmen und Schreien!
Ha ha ha ha! usw.

REISENDE DAMEN
die Postillone verfolgend
Zuerst komme ich!

REISENDE HERREN
ebenfalls den Postillonen nachlaufend
Ich bin der erste!

POSTILLONE und TRÄGER
Nein! Zuletzt!

BÜRGER kopieren lachend die Postillone
Nein! Zuletzt!
Manon tritt aus der Menge hervor und
betrachtet verwundert das Gewirr.

Seht, ein junges Mädchen!

LESCAUT
sie betrachtend
Hm! Diese Miene! Nein, nein, ich täusch'
mich nicht!
Manon ist's! ... meine Cousine!
Lescaut bin ich.

MANON
Sie, mein Cousin?
Umarmen Sie mich!

LESCAUT
Niemand, auf mein Wort, sträubte sich!
Nicht dacht' ich, dass so schön sie wäre,
sie macht der Familie alle Ehre!

MANON
Ach, Herr Cousin! Ich bereit' Ihnen wohl Pein!

LESCAUT
für sich
Sie ist reizend!

MANON
Bedenken Sie die Bewegung,
erklärlich ist die Erregung ...
Ah! Mein Cousin, das sehn Sie wohl ein.
Bald überstanden wird es sein.
Bedenken Sie die Erregung ...
Verzeihn Sie die geschwätz'ge Weise,
ich mach' ja meine erste Reise!
Kaum schwanden mir der Heimat Räume,
verging ich vor Bewunderung.
Neu waren Dörfer, Wiesen und Bäume,
wer mitgereist, alt oder jung.
Cousin, bereit' ich Ihnen Pein?
Ich mach' ja meine erste Reise!
Die Blumen, schön und bunt auf der Heide,
ich mocht' sie gerne all' besehn;
und ganz vergass ich in der Freude,
dass ich doch sollt' ins Kloster gehn!
Mein Herz eilt' über Tal und Hügel,
erschien das Dasein doch so süss,
mir ward zumut', als hätt' ich Flügel
und schwäng' mich auf zum Paradies!
Ja, mein Cousin!
Dann wurd' ich betrübt und beklommen,
und gar Tränen netzten mein Gesicht.
Gleich darauf lacht' ich doch, wie's gekommen,
lachte hell, ha, ha, ha, usw.
So lachte ich, wie's kam, das weiss ich nicht!
Ach, mein Cousin, entschuld'gen Sie!
Ach, mein Cousin, Verzeihung!
Bedenke, Sie die Bewegung, usw.

Grosse Bewegung unter den Reisenden und Postillonen im Hofe. Es läutet zur Abfahrt der Kutsche.

POSTILLONE
zu den Reisenden
's geht fort! Man läutet!

REISENDE
Wie? Geht's schon fort?

POSTILLONE
Jawohl, hinaus!
Da ist der andre Wagen!

REISENDE
Wie, was? 's geht fort?
Das ist nicht zu ertragen!
Alle stossen sich gegenseitig und schreien.

VERSCHIEDENE REISENDE
Meine Schachtel! Meine Vögel! Nein!
Mein Paket! Mein Korb! Nein!
Mein Hut! usw.

POSTILLONE
's geht fort! Nun fort! Man läutet! Hinaus!

REISENDE
Man will uns prellen!
Seht nur! Seht nur! Seht nur!
Gott! Glücklich, wer die Qual nicht kennt,
eh' man besteigt so einen Wagen!
Ach! tät man gut,
das muss ich sagen, man machte erst sein
Testament!
Besser wär's, das muss ich sagen, man
machte erst sein Testament!
Welch ein Lärm! Welch eine Qual! usw.

POSTILLONE
Da ist der andere Wagen!
Man läutet! 's geht fort, nur fort, nur fort!
Gott! Glücklich, wer die Qual nicht kennt!
Ein jeder will nur stöhnen, klagen,
schreit so beim Anfang wie am End',
so geht's beim Anfang bis zum End'!
Ach! Glücklich, wer die Qual nicht kennt!
Jeder will nur stöhnen!
Schweigen Sie! Welch eine Qual usw.

BÜRGER
Ha, ha, ha, usw.
Ah! Glücklich, wer die Qual nicht kennt!
Jeder schreit,
als ob es brennt!
Gott! Welch ein Lärm!
Ach! Welch Lärm und Aufruhr!
Ha, ha, ha, usw.

Die Menge entfernt sich nach und nach.
Lescaut und Manon bleiben zurück.


LESCAUT
indem er gehen will, um Manons Gepäck zu holen
Erwarten Sie mich hier, verhalten Sie sich
ruhig. Ich will Ihr Gepäck holen!

BÜRGER
sich langsam aus dem Hof der Gastwirtschaft
zurückziehend

Wir müssen sehn!
Nichts, nichts darf uns entgehn!

Die letzten Bürger verschwinden. Manon bleibt allein. Guillot erscheint auf dem Balkon des Pavillons.

GUILLOT
Unglückswirt! Es scheint einmal bestimmt,
dass wir keinen Wein bekommen!
Er erblickt Manon.
Himmel! Was seh' ich da!
Mademoiselle! Mademoiselle!
zu sich
Was in meinem Kopfe vorgeht, ist unerhört!

MANON
für sich
Ein drolliger Mensch, das muss ich sagen!

GUILLOT
Mademoiselle, verzeihen Sie! Ich heisse
Guillot, Guillot de Morfontaine und habe viel
Geld, gäbe es aber gern her, um von Ihnen
ein einziges liebes Wörtchen zu erhalten.
Was meinen Sie dazu?

MANON
Dass ich böse werden könnte, wenn ich nicht
vorzöge, zu lachen.

Manon lacht laut, ebenso lachen Brétigny, Javotte, Poussette und Rosette, welche ebenfalls auf den Balkon getreten sind.

BRÉTIGNY
He, Guillot, was treiben Sie? Wir warten schon!

GUILLOT
Zum Teufel mit dem Narren!

POUSSETTE
Schämen Sie sich nicht? In Ihren Jahren!

JAVOTTE
In Ihren Jahren!

ROSETTE
In Ihren Jahren!

BRÉTIGNY
Diesmal hat er zufällig einen Schatz entdeckt.
Nie blickten aus einem lieblichen Gesicht
schönere Augen.

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
Kommen Sie, Guillot, herein!
Wollen Sie den Torheit begehn?
Teurer Freund, das wär' nicht schön!
Nur herein! 's wird gewiss nicht Ihr Schaden sein!
Kommen Sie herein, Guillot!
Ha, ha, ha, usw.

BRÉTIGNY
Guillot, so lassen Sie doch das Mädchen in
Ruhe und kommen Sie zu uns!

GUILLOT
Ich komme sogleich! Herzchen, nur ein Wort!

BRÉTIGNY
Guillot, lassen Sie das Mädchen!

GUILLOT
leise zu Manon
Für mich wird sogleich ein Postillon hier sein.
Wenn Sie ihn sehen, so bedeutet das, dass
ein Wagen wartet, dessen Sie sich bedienen
können; und das Weitere ... Sie verstehen
mich!

Lescaut kommt zurück.

LESCAUT
Mein Herr!

GUILLOT
Mein Herr?

LESCAUT
Nun, was sprachen Sie?

GUILLOT
Ich, ich sagte nichts!
Guillot geht in den Pavillon ab.

POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE und BRÉTIGNY
Kommen Sie, Guillot, doch herein!
Wollen Sie denn Torheit begehn,
teurer Freund Guillot, das wär' nicht schön.
Nur herein!
's wird gewiss nicht Ihr Schaden sein!

Sie gehen lachend in den Pavillon zurück.

LESCAUT
Was wollte denn der, Manon?

MANON
Mir neu war die Erscheinung.

LESCAUT
Glaub's wohl, auch habe ich von dir zu gute
Meinung, um böse zu sein.

EIN GARDIST
Ei was, du bist noch hier?

EIN ANDERER GARDIST
Die Karten und die Würfel verlangen nach dir!

LESCAUT
Sogleich! Nur wollet mir erlauben,
dass der unerfahr'nen Jugend
ich gebe Lehren von Weisheit und Tugend!

BEIDE GARDISTEN
Horchet: Weisheit und Tugend!

LESCAUT
zu Manon
Sieh ins Auge mir, sei nicht bang.
Ich geh' nahbei in die Kaserne,
mein Geschäft dort dauert nicht lang,
ein Viertelstündchen bleib' ich ferne.
Hier erwarte mich: Im Augenblick
bin ich zurück.
Verhalt dich still, dass nichts dich störe,
mein gutes Kind, erinn're dich:
der Familie Schützer bin ich
und ihrer Ehre, ja, ihrer Ehre!
Sollt' irgendwer keck und frivol
sich dir zu nahen wagen,
meide Aufsehn und merke wohl,
du darfst dazu kein Wörtchen sagen.
Er möge warten, im Augenblick
bin ich zurück.
Verhalt dich still, dass nichts dich störe, usw.
Er gibt den Gardisten ein Zeichen zu gehen.
Und nun lasst sehn, wem von uns denn
heut die Göttin des Spiels den Sieg verleiht!
zu Manon
Verhalt' dich still, dass nichts dich störe!
Lescaut geht ab. Manon bleibt allein.

MANON
So bleib' ich hier, setz' dort mich hin.
Warte still ... grüble nicht,
will nicht Truggebilde schauen.
Alle törichten Pläne verwirren den Sinn.
Fort mit dem Wahn!
Lange Stille. Manon scheint ihren Gedanken nachzuhängen. Auf ihrem Gesicht spiegelt sich ihr innerer Kampf. Plötzlich richtet sie ihre Augen auf den Pavillon, wo Poussette, Javotte und Rosette noch immer beim Essen sind.
Wie doch so schön sind jene Frauen!
Und die Jüngste, sie trug ein gold'nes
Halsband doch!
Ach, wie reich und bunt sind die Kleider,
und die Frisuren, ach,
sie machten diese Mädchen reizender noch!
So zeig, Manon, den ernsten Willen,
wirf die eitlen Träume weit von dir!
Sie können niemals sich erfüllen,
stehst du doch vor des Klosters Tür!
Sei stark, Manon! Sei stark, Manon!
Nicht Wünsche noch, nicht eitle Träume!
Und doch! ...
Was kann Schönres es geben,
verlockend ist es allein,
Ach! Dem Vergnügen immerdar zu weihn,
der Freude nur sein ganzes Leben!
Ach! So zeig Manon, den ernsten Willen, usw.
Sie bemerkt Des Grieux.
Da ist jemand! Schnell zu meiner kleinen
Bank!
Sie eilt zu der Stelle, an der Lescaut sie verlassen hatte.

DES GRIEUX
ohne Manon zu bemerken
Der Abfahrt Zeit merkte ich mir ...
Bin noch hier ... wie konnte das geschehen?
Was soll's, spätestens morgen abend
werd' ich den Vater sehen!
Meinen Vater!
Er lächelt froh und glücklich,
und mein Herz, wie pocht es vor Lust!
Er sieht mich, ruft meinen Namen, ich flieg'
an seine Brust!
Unbewusst hat sich Des Grieux zu Manon umgewandt. Entzückt, als sähe er eine Erscheinung, betrachtet er sie.
O Himmel! Ist's ein Traumbild?
Wollen Wunder mich umgeben?
Woher kommt, was in mir vorgeht?
Ist mir doch, als ob mein Leben geht zu
End' ... oder beginnt!
Ich fühl', dass eine Eisenhand
mich drängt auf einen neuen Pfad.
Und willenlos mich hält hier festgebannt!
Unbewusst, Schritt für Schritt hat er sich Manon genähert.
Mademoiselle!

MANON
Nun was?

DES GRIEUX
Verzeihen Sie! Ich weiss nicht ... Ich gehorche,
habe keine Willenskraft! Ich sehe Sie gewiss
zum ersten Mal, doch ist mir, als sollt' ich
längst sie kennen!
Müsst' beim Namen Sie nennen ...

MANON
Manon heisse ich.

DES GRIEUX
Manon!

MANON
beiseite
Wie sein Auge zärtlich blickt!
Wie der Ton seiner Stimme entzücket!

DES GRIEUX
Sag' ich närrisches Zeug, Sie kränken wollt'
ich nicht!

MANON
Jeder Groll liegt mir fern,
sind die Worte doch süss, die das Herz leicht
erreichen!
Mocht' auch ich doch wissen dergleichen,
wiederholt' ich sie gern!

DES GRIEUX
O holde Zauberin!
Dich lasse ich nie!
Manon!
Auf immerdar nur schlägt mein Herz für Sie!

MANON
Holder Klang!

DES GRIEUX
O Manon!

MANON
Was mein Herz bewegt, erhebt und erregt,
fühlt' ich nie!

DES GRIEUX
Mein Herz, es schlägt, mein Herz, es schlägt
nur für Sie!

DES GRIEUX
nach langem Schweigen
Ach, sprechen Sie!

MANON
Ich bin nur ein armes Mädchen eben,
hab' Schlechtes nie begangen.
Nur bin ich dem Vergnügen zu gern ergeben,
so sagt man bei mir zuhaus',
darum ins Kloster schickt man mich gerade jetzt.
Und das ist die Geschichte von Manon Lescaut !

DES GRIEUX
Nein, nichts find' ich, was verpflichte zu
solcher Grausamkeit.
Dass soviel Schönheit, soviel Reiz
sich auf immer lebendig im Kloster vergrabe.

MANON
Doch wenn der Himmel es gebeut,
dem ich zu gehorchen nur habe
und der mich so vom Unglück, von Leiden befreit?

DES GRIEUX
Nein! Nein!
Ihnen soll die Welt nur Glück und Freuden
geben!

MANON
Wie das?

DES GRIEUX
Der Chevalier Des Grieux;
er ist's, der sich Ihnen weiht!

MANON
Ach, dann dankt' ich Ihnen mehr als das
Leben!

DES GRIEUX
So bleiben Sie, Manon, vertrauen Sie auf
mein Wort!
Und sollt' ich wandern ans Ende der Welt,
bis ich heimlich Asyl für uns fände,
ich trüg' auf den Armen Sie fort!

MANON
Für Sie, mein Heil und mein Leben,
für Sie nur will ich leben immerdar!

DES GRIEUX
O holde Zauberin!
Manon!
Mein Herz gehört nur Ihnen immerdar!

In diesem Augenblick erscheint der Postillon, von welchem Guillot Manon berichtet hatte, im Hintergrunde.

MANON
Vielleicht durch Zufall, dass es leichter wird:
mit einem Wagen,
dem Wagen eines Herrn ...
der vorher mich verliebt angelacht.
Rächen Sie sich!

DES GRIEUX
Aber wie?

MANON
Nun, den Wagen nehmen wir!

DES GRIEUX
zum Postillon, der sich entfernt
Gut, wir reisen!

MANON
verwirrt
Sie meinen, wir gemeinsam?

DES GRIEUX
Ja, Manon!
Der Himmel will uns vereinen!
Und wir leben in Paris,
nur der Liebe geweiht ...
uns innig verbunden,
vereinet für immer
lacht uns selige Zeit!

MANON
Beide wir! In Paris! In Paris!
Welche Zukunft so wonnig süss?!

MANON, DES GRIEUX
Nach Paris! Nach Paris! Beide wir!
In Paris leben wir! Beide wir!

DES GRIEUX
Und ich geb' dir meinen Namen!
Ach, Verzeihung!

MANON
Sagt doch klar mein Aug' allein,
bös kann ich Ihnen nimmer sein.
Und dennoch ist's nicht recht!

DES GRIEUX
Komm! Ja, wir leben in Paris!

MANON
Beide wir!

DES GRIEUX
Beide wir!
Nur der Liebe geweiht ...

MANON
In Paris!

DES GRIEUX
... lacht uns selige Zeit!

MANON
In Paris!

DES GRIEUX
Und für immer vereint!

MANON, DES GRIEUX
Welche Zukunft, so wonnig süss!
Nach Paris! Nach Paris! Beide wir!
In Paris leben wir! Beide wir!

Lautes Lachen im Pavillon.

MANON
Das sind sie!

POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE
Kommen Sie zurück, Guillot!

DES GRIEUX
Was meinen Sie?

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
Sie werden doch keine Torheit begehn!
So kommen Sie zurück, Guillot! Ha, ha! usw.

MANON
träumend
Nichts! Diese schönen Damen!

LESCAUT
von draussen, besoffen
Diesen Abend gebt ihr mir im Wirtshaus
nebenan alles zurück!

DES GRIEUX
Wie?

MANON
's ist die Stimme meines Cousins!

DES GRIEUX
Komm! Schnell fort!

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
aus dem Pavillon
Kommen Sie zurück, Guillot, kommen Sie
zurück! Kommen Sie!

MANON
für sich
Verlockend doch bleibt es allein, der Freude
zu weihn sein ganzes Leben!

MANON
Ah! Schnell fort!

DES GRIEUX
Schnell fort!
Beide eilen ab.

LESCAUT
tritt ein, völlig betrunken
Nicht einen Sou! Gelungen ist der Scherz!
He! Manon!
Er sucht sie.
Wie? Verschwunden!
Holla! Holla!

GUILLOT
kommt langsam die Treppe herab
Ich will sie wiedersehen ...

LESCAUT
Ah, Sie sind's, mein dicker Herr!

GUILLOT
He?

LESCAUT
Sie raubten mir Manon, geben Sie sie zurück!

GUILLOT
Schweigen Sie!

LESCAUT
Gebt sie zurück! Gebt sie zurück! usw.
Der Wirt und die Bürger kommen unterdessen herbei. Sie lachen über die beiden Männer.
zu Guillot
Wird's bald! Gebt sie zurück!

GUILLOT
Sehn Sie nur, schon sammeln sich die Leute!

LESCAUT
Ach was! Mich kümmert's nicht!
zu den Bürgern
Er raubte uns die Ehre!
zu Guillot
Das steht dir Affengesicht nicht zu!

GUILLOT
O welch ein Ereignis!

LESCAUT
Er raubte uns die Ehre!

WIRT und BÜRGER
Was ist's, erklären Sie!

GUILLOT
Gut! Aber nicht beleid'gen, nicht so schrein.
Nicht so ergrimmt!

LESCAUT
Sie, erklären Sie bestimmt! Ich will Manon!

WIRT
Was? Jenes junge Mädchen? ...
Sie ist abgereist mit einem jungen Mann!
Man hört die Kutsche aus der Ferne.
Hören Sie!

GUILLOT
O Himmel!

BÜRGER
Ist abgereist!

LESCAUT
Das schändet die Familienehre!

WIRT
auf Guillot zeigend
In dem Wagen dieses Herrn!

BÜRGER
In dem Wagen dieses Herrn!

GUILLOT
als Lescaut auf ihn zustürzt
Nein! Wartet doch!

LESCAUT
versucht Guillot zu fassen
Du Lump!

GUILLOT
Lasst los! Lasst los!

LESCAUT
gegen den Wirt kämpfend
Nein! Ich muss ihn strafen!

WIRT und BÜRGER
Hat man dergleichen je gesehn!

BRÉTIGNY
tritt mit den drei Damen aus dem Pavillon
Was denn! Armer Guillot, abgereist ist Ihre
Schöne!

WIRT und BÜRGER
Wie wenig angenehm
für solch grossen Verführer!

GUILLOT
So seid doch still!
Ha, Bestrafung gebührt und Rache
jener Falschen und ihm, der sie entführt!

POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE, BRÉTIGNY und BÜRGER
Ha ha ha ha! Wie komisch ist er anzusehen!
Und Sie, kleiner Mann, Sie werden für dieses
bezahlen!



ZWEITER AKT
Die Wohnung in der Rue Vivienne

In der Wohnung Manons und Des Grieux' in der
Rue Vivienne in Paris.
Des Grieux sitzt am Schreibtisch, Manon schleicht sich herbei und versucht, über seine Schulter hinweg zu lesen.


Vorspiel

DES GRIEUX
Manon!

MANON
Haben Sie Furcht, es streife meine Wange
leis Ihre Wange?

DES GRIEUX
Neugierige Manon!

MANON
Ja, über Ihre Schulter las ich lange ...
Lächeln musst' ich, sah meinen Namen
geschwind!

DES GRIEUX
Ich schreib' an meinen Vater; und ich bebe
bei dem Gedanken,
es könnte dieser Brief, in welchen ich mein
Herz gelegt,
doch zornig machen.

MANON
Das fürchten Sie?

DES GRIEUX
Ja, das ist es, was mich schreckt!

MANON
Nun denn! Wir wollen ihn zusammen lesen ...

DES GRIEUX
Ja, richtig, wir lesen ihn zusammen!

MANON
liest den Brief
Manon heisst sie, ward gestern sechzehn
Jahre;
ihre Jugend, ihre Schönheit müssen jeden
entzücken;
und die Stimme, ach, kein Ton je lieblicher
war, so viel Zärtlichkeit gab es noch nie in
den Blicken!

DES GRIEUX
So viel Zärtlichkeit gab es noch nie in den
Blicken!

MANON
Ist das wahr?
Kein Urteil hab' ich ...
Doch das weiss ich: Sie lieben mich!

DES GRIEUX
Sie lieben? ... Sie lieben? ...
Manon! ... Ich bete Sie an!

MANON
Nun gut, Monsieur, wir lesen weiter!

DES GRIEUX
Wie der Vogel überall stets dem Lenz folgen
muss,
so ist ihre junge Seele immerdar dem Leben
zugewendet;
sie lacht und lohnt durch Blick und Kuss
den kosenden Zephir, der fliehend Düfte ihr
spendet!

MANON
Den kosenden Zephir, der fliehend Düfte ihr
spendet!

DES GRIEUX
Zephir, der fliehend ihr Düfte spendet!

MANON
Es genügt dir also nicht, wenn wir uns
lieben?

DES GRIEUX
Nein, du sollst meine Frau sein!

MANON
Das ist dein Wille?

DES GRIEUX
Ja, von ganzer Seele!

MANON
Dann umarme mich, Chevalier! ... Und nun
trage fort deinen Brief!

DES GRIEUX
Ja, ich bringe ihn fort!
Er wendet sich zur Tür, dann bleibt er stehen und betrachtet die Blumen auf dem Kamin.
Das sind ja herrliche Blumen! Woher hast du
das Bouquet, Manon?

MANON
Ich weiss nicht! ...

DES GRIEUX
Wie, du weisst nicht?

MANON
Schöner Grund zum Zanken! Es wurde von
aussen durch's Fenster geworfen ... Es war
reizend, drum hab' ich's bewahrt ... Ich
denke, du bist nicht eifersüchtig!

DES GRIEUX
Nein, ich schwöre, dass ich in dein Herz kein
Misstrauen setze.

MANON
Daran tust du wohl! Dies Herz gehört dir
allein!
Von draussen hört man laute Stimmen.

DES GRIEUX
Wer erlaubt sich denn, so zu lärmen?

DIE DIENERIN
tritt bestürzt ein
Zwei Gardeleut' stehn draussen. Einer
behauptet, Madams Verwandter zu sein!

MANON
Lescaut ... Das ist Lescaut!

DIE DIENERIN
leise zu Manon
Der andere ist ... ich will nicht laut reden ...
Der andere ist jemand, der Sie liebt ... Jener
reiche Pächter, der hier nebenan wohnt.

MANON
leise
Monsieur de Brétigny?

DIE DIENERIN
leise
Monsieur de Brétigny.

DES GRIEUX
Das ist doch zu stark; ich werde selbst
nachsehen.

Als er hinaus will, öffnet sich die Tür, Brétigny, als Gardist, tritt ein, gefolgt von Lescaut.

LESCAUT
Endlich, das Liebespaar,
sie sind in meiner Hand!

BRÉTIGNY
Schenken Sie Nachsicht nur und Milde
den jungen Leuten!

LESCAUT
Sie verwöhnten bis jetzt mich nicht
durch Höflichkeit, Sie schnurriger Herr!

DES GRIEUX
Mässigen Sie Ihren Ton!

LESCAUT
Wie, mässigen?

DES GRIEUX
Ja, mässigen!

LESCAUT
Da möcht' man doch gleich zusammenbrechen!
Ich will hier nur die Familienehre rächen.
Zu richten komme ich, als Strafe steh' ich hier
Befehle zu erteilen, ist die Reih' an mir,
ja, nur allein an mir!

BRÉTIGNY
Bezähme dich!

LESCAUT
Halunke!

BRÉTIGNY
Bezähme dich!

DES GRIEUX
Nun schön! Das kostet Sie beide Ohren!

LESCAUT
zu Brétigny
He? ... Was sagt er? ...

BRÉTIGNY
Er schneidet Ihnen ab die Ohren!

LESCAUT
War jemand je so frech und unverfroren?
Wie, er droht noch?

BRÉTIGNY
Auf alle Fälle!

LESCAUT
Ha, beim Tod!

BRÉTIGNY
Lescaut!

LESCAUT
Bei der Hölle!

MANON
Ach, Chevalier, vor Angst sterb' ich!
Mein ist die Schuld, ich will sie tragen!
Beschützet mich! Ach, Chevalier!
Vor Angst sterb' ich! Beschützet mich!
Was wird aus uns!
Sein finstrer Blick will mich verklagen!
Vor Angst sterb' ich! Vor Angst sterb' ich!

DES GRIEUX
O Manon, zähle nur auf mich!
Nur keine Furcht!
Mein ist die Schuld allein, ich will sie tragen!
Zähle auf mich! O teures Herz!
O zittre nicht! Vertrau' auf mich!
Bald wird er mild, nur nicht verzagen!
Manon! Zähle auf mich! Zähle auf mich!

LESCAUT
zu Des Grieux
Halunke!
zu Brétigny
Halt' mich zurück! Halt mich zurück!
Frecher! O haltet mich!
Ich würd' im Zorne alles wagen!
Sie sollen ihre Strafe tragen!
O haltet mich! O haltet mich!
Frecher! Halunke!
O haltet mich! O haltet mich!
Frecher! Ich strafe dich!
O haltet mich! O haltet mich! O haltet mich!

BRÉTIGNY
Bezähme dich, Lescaut!
Ei was! Bezähme dich, Lescaut!
Beider Mund scheint zu klagen, sieh!
Beide sind gleichermassen schuldig!
Es packt sie Reue!
Nun wohl! So übe Nachsicht!
Bezähme dich, Lescaut!
Lescaut, bezähme dich! usw.
Lescaut! Sie sind doch gar zu grob!
Drücken Sie sich bestimmter aus!

LESCAUT
Nun gut! Es mag so sein!
zu Des Grieux
Mademoiselle ist meine Cousines und ich
wollt' mit Höflichkeit ...

DES GRIEUX
Mit Höflichkeit?

LESCAUT
Mit Höflichkeit; ja, ja, ich wollt' mit Höflichkeit
fragen: «Mein Herr, ganz ohne Zank und
Streit. Antworten Sie.
Ja, antworten Sie, nein,
wird Manon Ihre Gattin sein?»

LESCAUT, BRÉTIGNY
Sehr klar ist die Sache
ehrlich allein muss man sein!

LESCAUT
Wie ich's stets bei Geschäften mache!

BRÉTIGNY
Nur so ist's richtig, ein Geschäft zu machen!

LESCAUT
Nur so ist's richtig, ein Geschäft zu machen!

BRÉTIGNY
Ehrlich allein muss man sein!

LESCAUT, BRÉTIGNY
Sehr klar ist die Sache! usw.

LESCAUT
Ehrlich allein muss man sein!

BRÉTIGNY
Ja, so ist es!

LESCAUT, BRÉTIGNY
So ist die Sache!

BRÉTIGNY
zu Des Grieux
Nun, sind Sie zufriedengestellt?

DES GRIEUX
lachend
Gewiss, Sie sehn ja, dass ich lache,
da wohl mir Ihr Freimut gefällt.

BRÉTIGNY, LESCAUT
lachend
Wie ich's stets bei Geschäften mache!
Sehr klar ist die Sache,
ehrlich allein muss man sein, usw.

DES GRIEUX
Gewiss, sie sehn ja, dass ich lache.

LESCAUT
Wie ich es mache!

DES GRIEUX
Meinem Vater schrieb ich hier offen...
Eh' ich verschliesse meinen Brief,
möchten Sie lesen ihn, darf ich hoffen.

LESCAUT
nimmt den Brief
Recht gern!
Doch schon kommt die Nacht!
Lescaut beobachtet Manon und Brétigny und führt Des Grieux absichtlich zur Seite.
Die uns das Lesen mühevoll macht.
Lassen Sie uns nah zum Fenster gehn,
dort können wir
besser noch sehen.

Brétigny steht bei Manon.

MANON
Weshalb kommen Sie verkleidet her?

BRÉTIGNY
Sie zürnen drum?

MANON
Gewiss, sehr recht!
Da Sie wissen, dass wir uns lieben!

BRÉTIGNY
Ihnen zu sagen, hat's mich hergetrieben,
dass heute abend von hier man ihn entführen
will.

MANON
Heut abend?

BRÉTIGNY
Und auf Befehl seines Vaters.

MANON
Auf Befehl seines Vaters?

BRÉTIGNY
Ja, heut abend gewaltsam
schleppt man ihn fort von hier!

MANON
macht einen Schritt vorwärts
Ha! Das werd' ich verhindern, auf mein Wort!
BRÉTIGNY
Warnen Sie ihn, dann machen Sie ihn elend
und sich ...
doch wird ihm nichts vertraut ...
wird Reichtum und Glanz Ihnen lachen!
Was Ihrer harret.

MANON
Nur nicht so laut!

LESCAUT
den Brief lesend
«Manon heisset sie ...

BRÉTIGNY
Nur ja nichts ihm vertraut!

LESCAUT
... ward gestern sechzehn Jahre ...

MANON
zu Brétigny
Niemals!

BRÉTIGNY
Folgen Sie!

LESCAUT
... ihre Jugend, ihre Schönheit ...»

MANON
Nur nicht so laut!

LESCAUT
Rührend klingt das fürwahr!

BRÉTIGNY
Reichtum und Glanz!

MANON
Niemals!

DES GRIEUX
Ah! Lescaut, so verehre ich sie!
Lassen Sie mich's noch einmal sagen!

LESCAUT
Rührend klingt das fürwahr!

BRÉTIGNY
Manon! Manon!

MANON
Nur nicht so laut!

BRÉTIGNY
Es naht sich die Stunde,
Freiheit ist Ihr Gewinn!

DES GRIEUX
Dieses Hochentzücken!

MANON
Es schwankt mein Sinn, o welche Qual!

LESCAUT
Sie wird Ihr Weib?

BRÉTIGNY
Manon! Manon!

LESCAUT
«So wie der Vogel stets dem Lenz ...

BRÉTIGNY
Allein durch Ihre Schönheit ...

MANON
Wie ist mir, was ergreift mich!

LESCAUT
... nur dem Lenz folgen muss ...»

DES GRIEUX
Ach, dieses Hochentzücken!

BRÉTIGNY
... sind Sie Königin!

MANON
Mein Sinn, er schwanket!

BRÉTIGNY
Manon, durch Ihre Schönheit sind Sie Königin!

DES GRIEUX
Lescaut, lassen Sie mich's noch einmal sagen!

LESCAUT
Das ist die Dichtung der Lieb'!

MANON
O welche Qual trübt meine Sinne, welche
Qual!

LESCAUT
«So ist ihre junge Seele ...»

MANON
O welche Qual, welche Qual!

BRÉTIGNY
Sie werden Königin!

DES GRIEUX
Und so lieb' ich nur sie!

LESCAUT
Schön gedichtet!
«... nur dem Leben zugewendet ...»

MANON
Gehn Sie fort!

BRÉTIGNY
Folgen Sie mir!

MANON
Ah, welche Qual trübt meinen Sinn!

DES GRIEUX
Und so lieb' ich nur sie!

BRÉTIGNY
Durch Ihre Schönheit Königin!
Hören Sie nur!

MANON
Ah, gehn sie fort! Ach, nur fort!

LESCAUT
Das genügt!
Wir sind schon am End',
und ich mach' Ihnen mein Kompliment!
zu Manon
Cousine,
zu Des Grieux
und Sie, Cousin,
nur voll Achtung kann ich sprechen.
Hier meine Hand, es wäre ja Verbrechen,
dem noch entgegen zu sein.
Liebe Kinder, ich segne euch.
Die Tränen ... dieses Glück!
zu Brétigny
Ziehn wir ab?

BRÉTIGNY
Ja, sogleich!

LESCAUT, BRÉTIGNY
Ganz klar ist die Sache,
ehrlich allein ...

LESCAUT
... muss man nur sein ...

BRÉTIGNY
... wie ich's stets bei Geschäften mache ...

LESCAUT, BRÉTIGNY
... wie ich's stets bei Geschäften mache.
Sie gehen; von draussen hört man ihre letzten Worte.
Ehrlich allein, wie ich es mache.

MANON
In der Brust ... welche Qual!

DES GRIEUX
für sich, fröhlich
O leuchtete doch meinem Glücke
der Morgen mit freundlichem Strahl!
Die Dienerin tritt ein.
Was gibt's?

DIENERIN
's ist Zeit zum Abendbrot, Monsieur.

DES GRIEUX
Das ist wahr. Doch mein Brief ist noch hier.

MANON
Nun, so trag' ihn fort.

DES GRIEUX
Manon ...

MANON
Was nun?

DES GRIEUX
Ich liebe dich, ich bete dich an!
Und du, sag, liebst du mich?

MANON
Ja, mein Chevalier, ich liebe dich!

DES GRIEUX
Dann sollst du mir auch versprechen ...

MANON
Was?

DES GRIEUX
Nichts ... Ich besorge meinen Brief.

Er geht hinaus und lässt Manon allein zurück.

MANON
Nun! 's ist für ihn! Drum zurück darf ich
nimmer ...
Mein armer Chevalier!
Gewiss, ihn liebe ich allein!
Und warum doch schwank' ich so sehr?
Nein, nein! ... Ich bin seiner nicht würdig mehr!
Ich höre die lockende Stimme,
sie verwirrt meinen Sinn:
Manon! Manon, du wirst durch deine
Schönheit
Königin! Ja, Königin!
Schwach bin ich doch fürwahr und
unberechenbar ...
Ach! dennoch fühl' ich meine Tränen
fliessen ...
Dem fliehenden Traume folgt mein Sinn;
wird die Zukunft mir das Glück erschliessen
der schönen Tage, die dahin?
Manon nähert sich dem gedeckten Tisch.
Mein Tischchen, ich muss von dir nun scheiden,
das uns oft vereint zum schönen Los!
Leb wohl, leb wohl, ich soll dich ewig meiden,
du Tischlein klein, für uns doch so gross!
Wir brauchten, oh, man glaubt es kaum ...
dicht beieinander ... so wenig Raum ...
Leb wohl, mein liebes kleines Tischchen!
Ein Glas nur gab's in unsrem Lande;
wenn Eines trank, dann sucht es sich
die Lippen des Andern am Rande ...
Ach, armer Freund, wie liebt er mich!
Leb wohl!, du liebes kleines Tischchen,
leb wohl!
Sie hört Des Grieux kommen.
Er ist's!
Nichts soll verraten meiner Seele Qual!

DES GRIEUX
Endlich, Manon, dürfen für uns wir leben!
Doch wie? In Tränen? ...

MANON
Nein!

DES GRIEUX
Deine Hand fühl' ich beben ...

MANON
Da steht auch unser Mahl.

DES GRIEUX
Ganz recht ... meine Schläfen glühen ...
das Glück ist wandelbar doch nur
und von so luftiger Natur,
dass man stets fürchtet, es möcht' entfliehen!
Zu Tische!

MANON
Zu Tische!

DES GRIEUX
O schöne Zeit, wo die Furcht von uns genommen,
wo uns beiden winkt Einsamkeit!
Denk, Manon, auf dem Weg
ist mir ein Traum gekommen.

MANON
gepresst, für sich
Wem ist nicht schon ein Traum gekommen!

DES GRIEUX
Ich schloss die Augen, und ich sah eine
einfache Hütte
in des Waldes Mitte, weiss und freundlich
stand sie da!
Es herrschte Dunkel und Stille;
in einer Quelle kühl und rein
spiegelt sich der Blätter Fülle,
und es singen Vögelein.
's wär' das Paradies!
Doch nein! Alles schaut so grämlich trübe,
das Beste fehlt', wenn ich bliebe,
könnt's nur mit Manon sein!

MANON
Das sind Träume, die entschweben!

DES GRIEUX
Nein! Ein stilles, seliges Leben,
wenn du es willst, o Manon!

Es klopft leise an der Tür.

MANON
für sich
O Himmel! Schon?

DES GRIEUX
Jemand da?
Wer darf denn Liebesleute stören ...
Er erhebt sich.
Ich schicke den Lästigen fort ...
und kehr' zurück!

MANON
Leb wohl!

DES GRIEUX
Wie das?

MANON
Nein! ... Ich weigre mich ...

DES GRIEUX
Weshalb?

MANON
Nein! Du sollst aus dem Zimmer nicht gehen ...
In meinen Armen halt' ich dich!

DES GRIEUX
Du Kind ... Lass mich gehn!

MANON
Nein!

DES GRIEUX
Lass doch sehen!

MANON
Nein!

DES GRIEUX
Ei was!

MANON
Ich will es nicht!

DES GRIEUX
Ein Fremder wohl ...
der im Irrtum scheint ...
Ich weis' ihn artig ab, nicht lange will ich
machen,
komme wieder ...
Über dein töricht' Wesen werden wir herzlich lachen!

Er umarmt Manon und geht hinaus. Man hört den Lärm von Ringenden. Manon steht auf und läuft zum Fenster. Sie hört das Rollen einer Kutsche.

MANON
Mein armer Chevalier!



Entreakt

DRITTER AKT


ERSTE SZENE
Cours-la-Reine

Die Promenade Cours-la-Reine am Tage eines Volksfestes. Auf der einen Seite findet ein Ball statt. Unter den hohen Bäumen stehen die Verkaufsstände verschiedener Händler: Modisten, Spielzeugverkäufer, Esswarenhändler, Musiker, usw. Allgemeine Bewegung, als die Bürger und Bürgerinnen vorbeipromenieren und alle sich drängen, ihre Waren anzubieten. Im Hintergrund der
Invalidendom.


HÄNDLERINNEN und HÄNDLER
Bunte Schuhe können Sie wählen!
Rote Schminke darf nicht fehlen!
Tücher, Kappen, sehen Sie!
Neue Lieder, kaufen Sie!
Karten hier zur Lotterie!
Puder, feiner Schnupftabak!
Hüte, Bänder wie noch nie!
Elixier, fein von Geschmack!
Man muss sorgen für den Magen!
Hütchen, herrlich anzusehen!
Reiherfedern, die stolz wehen!
Ganze Ärmel, kaufen Sie!
Hier Bonbons, Pasteten stehen!
Bälle, Spiele aller Art!
Hier isst jeder mit Behagen! usw.

HÄNDLER und BÜRGER
Das schönste Fest ist heute auf der Cours-la-Reine!
Man lacht, man trinkt auf das Wohl des Königs!
Man lacht, man trinkt,
eine Woche lang!
Man lacht, man trinkt auf das Wohl des Königs!
Das schönste Fest ist heute auf der Cours-la-Reine!
Man trinkt auf das Wohl des Königs!

Tanzmusik aus der Ferne. Poussette und Javotte kommen aus dem Ballhaus, Rosette folgt ihnen kurz darauf. Zwei junge Schreiber, die jemanden zu suchen scheinen, bemerken sie, und auf deren Wink eilen sie zu ihnen.

POUSSETTE, JAVOTTE
Reizend sind doch solche Feste,
wie hab' das Gewühl ich gern! Ich bin frei,
ich bin frei, das ist das beste,
da die Eifersücht'gen fern.

POUSSETTE
Nun, 's bleibt dabei!

JAVOTTE
Es sei gewährt!

ROSETTE
Doch dürft ihr nicht das Schweigen brechen!

POUSSETTE
Es bleibt dabei!

JAVOTTE
Ich will auch alles gern versprechen!

POUSSETTE
Gern!

ROSETTE
Dass aber Guillot nichts erfährt!

POUSSETTE, JAVOTTE
Dass aber Guillot nichts erfährt!

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
Nichts!

POUSSETTE, JAVOTTE
Reizend sind doch solche Feste,
wie hab' das Gewühl ich gern! Ich bin frei,
ich bin frei, das ist das beste,
da die Eifersücht'gen fern!

POUSSETTE
Ich bin frei!

JAVOTTE
Reizend sind doch solche Feste!
Ich bin frei!

POUSSETTE
Reizend sind doch solche Feste!

POUSSETTE, JAVOTTE
Da die Eifersücht'gen fern!
Ach, wie schön!
Sie gehen ab.

HÄNDLER
Bunte Schuh', Sie können wählen! usw.

HÄNDLER und BÜRGER
Das ist das Fest von Cours-la-Reine!
Man lacht, man trinkt auf das Wohl des Königs.

HÄNDLER
Mein Herr, bei mir!
O kauft, mein Herr!
O wählen, kaufen Sie doch hier!

LESCAUT
Was wählen! Wozu das?
Gebt her! Gebt her! Gebt her! Gebt nur die Sachen!
Heut abend kauf' ich alles!
Meiner Schönsten Freude zu machen!
Etwas gefällt ihr sicherlich!

HÄNDLER
Monsieur, bei mir! O kauft bei mir!

LESCAUT
Wozu sich aufs Sparen legen
mit drei Würfeln in der Hand;
ist mir doch der Weg bekannt
zu dem Hotel Transsylvanien!
Darum wozu! Wozu sich aufs Sparen legen!

HÄNDLER
O nehmt, Monsieur! O nehmt! O nehmt!
O nehmt!

LESCAUT
Genug! Genug!
O Rosalinde,
dass ich nicht Pindars Worte finde
zu deinem Lob, mein Herze bricht's!
Wenn man auch preist als schön hienieden
all' die Clorinden und Armiden,
was sind sie neben dir?
Nichts! Aber nichts! Aber nichts!
O meine Rosalinde, usw.
Was wählen? Was wählen! Bah, wozu!
Wozu sich aufs Sparen legen, usw.
Kommt nur her, ihr Schönen, nahet euch!
Ich biet' euch ein Juwel, zwei Küsschen, und
ihr habt's sogleich!

Lescaut geht ab, während die Menge durcheinander läuft. Poussette, Javotte und Rosette kommen mit drei jungen Männern aus dem Ballhaus. Tanzmusik ist zu hören.

GUILLOT
erblickt sie
Guten Tag, Poussette!

POUSSETTE
Oh Himmel!

GUILLOT
Guten Tag, Javotte!

JAVOTTE
Ah, Gott!
Poussette und Javotte laufen davon.

GUILLOT
Guten Tag, Rosette!

ROSETTE
während sie davonläuft
Ah!

GUILLOT
Ha! Sie lassen mich da stehen! Weiber!
Verrückt! Und ich hatte mir drei genommen;
ich dachte, dass, wenn zwei mich hintergehen,
wenigstens die dritte treu bleiben würde. Das
Weib ist doch ein bösartiges Geschöpf!

BRÉTIGNY
hinzukommend
Bravo, Guillot, der Scherz ist nicht übel. Nur
ist er nicht von Ihnen! Gott, welch ein
finsteres Gesicht! Ich wette, die Dame
Javotte hat sie gefoppt!

GUILLOT
Mit Javotte ist es aus!

BRÉTIGNY
Und Poussette?

GUILLOT
Mit Poussette auch!

BRÉTIGNY
So wären sie also frei? Guillot, ich bitte Sie.
Machen Sie mir Manon nicht abspenstig!

GUILLOT
Sie Ihnen abspenstig machen?

BRÉTIGNY
Schwören Sie mir das!

GUILLOT
Lassen Sie doch das Höhnen! Aber sagen Sie
mir, mein Lieber, man hat mir erzählt, dass
Manon Sie gebeten habe, das Ballett der
Oper zu ihr kommen zu lassen. Und dass Sie
ihr das trotz aller Tränen abgeschlagen
haben.

BRÉTIGNY
Das ist ganz richtig; die Geschichte ist wahr.

GUILLOT
Das genügt; entschuldigen Sie, wenn ich Sie
kurz verlasse; bald bin ich zurück.

GUILLOT
reibt sich die Hände, als er hinausgeht
Dig et dig et don!
Man nimmt dir doch deine Manon! usw.

Die Spaziergänger und Verkäufer kommen zurück. Unter ihnen einige elegante Damen mit Begleitung.

SPAZIERGÄNGER und HÄNDLER
Da sind die reichen Damen!
Die her zum Feste kamen!
Mit dem Siegesblick,
mit dem Liebesglück! usw.

Manon erscheint, begleitet von Brétigny und mehreren jungen Edelleuten. Man hilft ihr aus der Kutsche.

SPAZIERGÄNGER
Wer ist denn diese Prinzessin?

HÄNDLER
Fürstin ist sicher die Schöne!
zu den Spaziergängern
Oh! Es ist ja die, die jeder kennt!
Es ist Manon!
Es ist die schöne Manon!

SPAZIERGÄNGER und HÄNDLER
Da sind die reichen Damen!
Die her zum Feste kamen!
Mit dem Siegesblick,
mit dem Liebesglück! usw.

BRÉTIGNY
Holde Zauberin Manon!

EDELLEUTE
Holde Zauberin Manon!

MANON
Lohnt es der Müh, mich anzusehn?

BRÉTIGNY und EDELLEUTE
Zum Entzücken! Göttlich! Göttlich!

MANON
Ist es wahr? Vielen Dank!
Ich bin gut, das wird man wohl glauben;
mir bewundernd zu nahn, will ich gnädig erlauben!
Ja, überall bin ich bekannt,
mein Reiz, der das Szepter führet,
vor mir beugt man sich, küsst meine Hand,
meine Schönheit allein, sie regieret!
Königin bin ich!
Ein sorglos' Dasein ist mir beschieden,
nicht frag' ich nach Liebesglut,
die Mächtigen ziehen vor mir den Hut,
ich bin die Schönste, ich bin zufrieden!
Das Leben scheint mir rosenrot.
Auf sonnigem See treibt mein Nachen,
und käme einst zu Manon der Tod,
empfänge ich ihn, glaubt mir, mit Lachen!
Ha! ha! ha! ha!

BRÉTIGNY und EDELLEUTE
Bravo! Bravo! Manon! Bravo!

MANON
Folget dem Ruf, so lieblich zu hören,
der euch lockt zur Liebeslust,
immer, immer, immer,
solang Schönheit und Anmut währen!
Nützet die schönen jungen Tage,
wo der Lenz,
wo die Liebe euch erfreut,
singet, lacht, verscheuchet jede Klage,
herrlich, göttlich ist die Jugendzeit.

BRÉTIGNY und JUNGE MÄNNER
Nützet die schönen jungen Tage!

MANON
Nützet die schönen jungen Tage,
singet, lacht, verscheuchet jede Klage,
herrlich, göttlich ist die Jugendzeit! Ha! Ha!

JUNGE MÄNNER
Nützet die schönen jungen Tage!
Wir lachen! Ha! Ha!

MANON
Das Herz dereinst hört auf zu glühen,
und vergisst der Liebe Glück,
sieht seinen Lenz entfliehen,
er kehrt nie mehr zurück.
Drum nützet die schönen jungen Tage,
wo Lenz, wo Liebe euch erfreut,
singet, lacht, verscheuchet jede Klage
und denkt, wir sind nur einmal jung!

JUNGE MÄNNER
Nützet die schönen, die schönen jungen Tage!

MANON
Nützet die schönen jungen Tage,
singet, lacht, verscheuchet jede Klage
und denkt, wir sind nur einmal jung! Ha! Ha!

JUNGE MÄNNER
Nützet die schönen jungen Tage!
Wir lachen! Ha! Ha!

MANON
zu Brétigny
Jetzt gehe ich; wieder hier bin ich bald,
wenn zum Kauf ich etwas gefunden.

BRÉTIGNY
Ach, mit Ihnen ist nun auch dieses Festes
Glanz verschwunden!
Reizend schöne Manon!
Mit Ihnen ist nun auch dieses Festes Glanz
entschwunden!
MANON
Das ist doch langweilig
und dabei auch so alt!
Man muss als grosser Herr
auch etwas Geist bekunden!

Manon geht zu den kleinen Buden im Hintergrunde, gefolgt von Neugierigen, die sich langsam entfernen.

SPAZIERGÄNGER und HÄNDLER
Da sind die reichen Damen! usw.
Die her zum Feste kamen! usw.
Mit Siegesblick,
mit Liebesglück! usw.
Die reichen Damen! usw.

EIN HÄNDLER
im Hintergrund
Puder, feiner Schnupftabak!

Nach und nach gehen die Spaziergänger und die Händler hinaus.

BRÉTIGNY
Ich täusche mich nicht, der Graf Des Grieux!

GRAF
Herr von Brétigny?

BRÉTIGNY
Ich bin's; kaum traue ich meinen Augen!
Sie in Paris?

GRAF
Mein Sohn führt mich hierher.

BRÉTIGNY
Der Chevalier?

GRAF
Das ist er nicht mehr. Abbé Des Grieux muss
man jetzt sagen.

MANON
die näher gekommen ist und tut, als spräche sie mit einem Händler
Des Grieux?

BRÉTIGNY
Abbé! Er! Wie kam das?

GRAF
Der Himmel zieht ihn an! Er will Geistlicher
werden. Jetzt ist er in St. Sulpice, und heute
abend spricht er an der Sorbonne ...

Manon geht davon, nachdem sie dies gehört
hat.


BRÉTIGNY
lächelnd
Abbé? Das ist sonderbar, eine derartige Wandlung ...

GRAF
ebenfalls lächelnd
Sie haben das zuwege gebracht, da Sie sein
Verhältnis mit einer gewissen Person
zerstörten.

BRÉTIGNY
auf Manon zeigend
Nicht so laut!

GRAF
Das ist sie?

BRÉTIGNY
Ja, das ist Manon!

GRAF
Nun verstehe ich, warum Sie so eifrig die
Interessen meines Sohnes wahrnahmen ,,,
Doch bitte, sie will mit Ihnen sprechen! Sie
ist in der Tat wunderschön!

MANON
zu Brétigny, der Graf steht nun in einiger Entfernung
Mein lieber Freund, ich möchte ein Armband,
so wie dieses hier, und ich kann keines
entdecken!
BRÉTIGNY
Gut, ich suche selbst darnach.
Er grüsst den Grafen und geht davon.

GRAF
für sich
Sie ist reizend, und ich begreife, dass man sie
liebt!

MANON
zum Grafen
Verzeihen Sie, doch war ich hier,
Ihnen nah auf zwei Schritt;
neugierig bin ich auch ...
so folgt' ich dem Berichte.

GRAF
Ein kleiner Fehler ist's,
zählt bei Frauen kaum mit!
grüsst
Madame!

MANON
kommt näher
Sie sprachen von einer Liebesgeschichte?

GRAF
Aber gewiss!

MANON
Nun glaube ich ...
Nur um Entschuldigung möcht' ich bitten ...
Ich glaub'... dieser Abbé Des Grieux liebte
von Herzen ...

GRAF
Nun, wen?

MANON
Sie war eine Freundin ...

GRAF
Ah! Nun gut!

MANON
Er liebte sie ...
Und wissen möcht' ich gern,
ob der Verstand besiegte seine Liebe ...
Und ob er seinen Schmerz
bis so weit überwand, dass dem Herzen
an sie die Erinnerung verschwand?

GRAF
Muss man denn durchaus vieles wissen?
Wohin uns das Geschick einst führt,
was aus jeder ersten Liebe wird,
warum Rosen so früh sterben müssen?

MANON
für sich
Mein Gott! Gib mir Mut,
ihn zu fragen! usw.

GRAF
Nichts zu wissen, lässt sich leichter tragen,
als wenn man sich um Vergang'nes kränkt!

MANON
Nur noch ein Wort! ...
Fasst ihn nach ihr ein schmerzlich' Sehnen,
fiel ihm ihr Name öfter ein?

GRAF
Im Stillen vergoss er viele Tränen.

MANON
Und hat er weinend ihr geflucht?

GRAF
Nein!

MANON
Und sagt' er nie, dass ihn die falsche
so sehr geliebt?

GRAF
Sein Herz ward geheilt,
und dann verschloss es sich mehr und mehr!

MANON
Und seitdem?

GRAF
Macht er's wie die Freundin unterdessen,
und wie's jeder Mensch machen soll,
ist man vernünftig, denk' ich wohl:
man muss vergessen!

MANON
Man muss vergessen!
Der Graf grüsst achtungsvoll und geht.
Man muss vergessen!

Die Menge, Edelleute, Damen, Spaziergänger und Händler kommen zurück. Brétigny, Guillot, dann Lescaut kommen hinzu, begleitet von mehreren Freunden.

BRÉTIGNY
Antworten Sie mir, Guillot!

GUILLOT
Nein! Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten!

BRÉTIGNY
Herr von Morfontaine, Sie werden mir alles
sagen!

GUILLOT
Ihnen, mein Freund, nichts!
Er wendet sich an Manon.
Aber Ihnen, meine Königin!

BRÉTIGNY
Wie bitte?

GUILLOT
Nun ja, das Ballett der Oper, das Sie ihr
versagten ... wird gleich hier sein.

BRÉTIGNY
Ich muss die Waffen strecken!
zu Manon
Sie sind traurig!

MANON
Oh! nein!

BRÉTIGNY
Es scheint, dass Tränen ...

MANON
Torheit!

GUILLOT
Doch nun, Manon,
kommen Sie zu mir!
Das neueste Ballett tanzt man vor Ihnen hier.
zu Lescaut
Lescaut, nur her!

LESCAUT
Ich verstehe Ihr Winken.

GUILLOT
Merkt auf! Ich bin's, der alles gab,
man reiche auch dem Volk
vollauf zu trinken!
Wieviel?

LESCAUT
Wir rechnen später ab!
Er nimmt die Börse und geht.

EDELLEUTE, SPAZIERGÄNGER, HÄNDLER und BRÉTIGNY
Die Oper ist da! Die Oper ist da! Die Oper!

Einleitung: Die Vorstellung

BRÉTIGNY, EDELLEUTE und BÜRGER
Das Ballett! Da ist das Ballett! usw.
Bald Paris ... bald Paris ... usw.
nur davon spricht ... nur davon spricht! usw.
Da ist das Ballett der Opéra!
's ist königlich ... 's ist königlich ... usw.
Wert eines Königs! Eines Königs! ... usw.
Sein Rivale wird zu Grund gericht'! usw.
Bald ist Guillot zu Grund gericht'! usw.
Weil er die Oper hergebracht hat! usw.

GUILLOT
für sich
Ja, königlich ist das Vergnügen,
das Ballett tanzt hier für uns allein,
nur sehr viel Geld konnt' das verfügen!
Mein Rivale wird rasend sein!
Er ahmt die Tänzer nach.

BRÉTIGNY, EDELLEUTE und BÜRGER
Er hat das Ballett hierher gebracht!
Ganz Paris nur davon spricht!
Das Ballett der Oper ist hier!

Ballett
Erstes Entrée
Zweites Entrée
Drittes Entrée
Viertes Entrée


MANON
zu sich
Nein, sein Leben bleibt doch dem meinen
eng verkettet!
Er kann mich nicht vergessen haben.
Sie sieht Lescaut in der Nähe.
Meinen Wagen, mein Cousin! ...

LESCAUT
Wohin wünschen Sie zu fahren, Cousine?

MANON
Nach St. Sulpice!

LESCAUT
Welche tolle Laune! Verzeiht, wenn ich
wiederhole: nach St. Sulpice?

MANON
Nach St. Sulpice!

GUILLOT
Nun, Herrin, meines Lebens, was sagen Sie?

MANON
Ich habe nichts gesehen!

GUILLOT
Nichts gesehen? Das ist also der Dank für
meine Ritterlichkeit? Habe ich das verdient?

DIE MENGE
Das ist das Fest von Cours-la-Reine!
Man tanzt, man lacht auf des Königs Wohl,
usw.


ZWEITE SZENE
Das Sprechzimmer im Seminar von St. Sulpice

Vornehme Damen und Bürgersfrauen kommen aus der Kapelle.

DAMEN
Des Grieux lobend
Nein, ohnegleichen! usw.
Kaum zu erreichen! usw.
Er spricht ganz staunenswert! usw.
Ein Pred'ger unerhört! usw.
Nein, ohnegleichen!
Ach, wie so sanft ist seine Stimme!
Und wie so feurig kann sie klingen!
Wenn man ihn hört ... wenn man ihn hört ...
Niemand kann so zart bis auf den Grund
unsrer Seele dringen!
Ach! Ach! Ein Pred'ger unerhört! usw.
Er spricht ganz unerhört!
Und mit welcher Kunst, usw.
malt er in der These, usw.
den heil'gen Augustin, usw.
die heilige Therese, usw.
Heiliger selbst ist auch er! usw.
Dran zweifl' ich nicht mehr! Heiliger!
Ja, er ist ohnegleichen!
Heiliger selbst ist auch er! usw.
Das ist gewiss! usw.
Heiliger ist er! Heiliger!
Des Grieux tritt ein.
O seht! Da ist Abbé Des Grieux!
Wie er die Augen niederschlägt!

Die Damen gehen langsam ab, nachdem sie Des Grieux mit tiefer Verbeugung gegrüsst haben.

GRAF
Bravo, mein Sohn, vollständiger Erfolg! Unser
Haus kann stolz darauf sein, einen zweiten
Bousset zu besitzen!

DES GRIEUX
Mein Vater, schonen Sie mich!

GRAF
Und du willst dich wirklich auf ewig dem
Himmel weihen?

DES GRIEUX
Ja! Im Leben fand ich nur Bitterkeit und Ekel.

GRAF
Das sind Reden, die man kennt!
Welch Geschick hat sie dir eingegeben?
Wie wenig weisst du noch vom Leben,
wenn du denkst, du wärest schon am End'.
Zur Frau nimm ein ehrsames Mädchen,
die passt zu uns, die passt für dich,
als Vater leb' im Kreise der Familie,
nicht schlechter und nicht besser als ich.
Dazu hat Gott uns ausgerüstet,
dort liegt, glaube mir, unsre Pflicht!
Dort liegt unsre Pflicht!
Die Tugend, die sich gerne brüstet,
ist schon die wahre Tugend nicht!
Zur Frau nimm ein ehrsames Mädchen, usw.

DES GRIEUX
Nichts kann mich abhalten, das Gelübde zu
tun!

GRAF
Also bestimmt?

DES GRIEUX
Bestimmt!

GRAF
Gut! Dann darf ich den Unseren verkünden,
dass sie in der Familie einen Heiligen haben.
Viele werden mir freilich nicht glauben!

DES GRIEUX
Bitte, spotten Sie nicht, Herr Vater!

GRAF
Noch etwas! Da man dir schwerlich so bald
ein Einkommen geben wird, oder eine Abtei,
will ich dir noch heute dreissigtausend Livres
schicken ...

DES GRIEUX
Mein Vater ...

GRAF
Es ist dein, es ist dein mütterliches Erbteil.
Und nun leb wohl, mein Sohn.

DES GRIEUX
Leben Sie wohl, mein Vater!

GRAF
Leb' wohl ... Bleib' zum Gebet!
Er geht.

DES GRIEUX
allein
Ich bin allein! Endlich allein!
Mein Los soll sich entscheiden!
Nichts will ich teuer nennen
als die heil'ge Ruh, die der Glaube gewähret!
Mein Herz soll die Welt nicht mehr kennen,
nur Gott allein, den es verehrt!
Flieh, ach, flieh, holdes Bild, mit den Wonnen und Qualen;
achte nun meine Ruh, als schwer errung'nes Gut,
und bedenk', wenn ich trank aus ach! so bitt'ren Schalen,
dass mein Herz sie gefüllt mit seinem heissen Blut.
Gönne mir die Ruh', holdes Bild, flieh, o flieh!
Was auch ist mit den Leben, den Ruhm zu gewinnen?
Bannen will ich auf ewig aus meinen Sinnen ...
den entsetzlichen Namen ... den Namen ...
der auf mir lastet, der mich verzehrt!

DER PORTIER DES SEMINARS
Der Gottesdienst.

DES GRIEUX
Ich komme! ... Mein Gott!
Dem ich mich befehle,
o läutre meine Seele,
vor dir und deinem Glanz
entflieht der Schatten, der noch oft durch die
Seele mir zieht!
Flieh, o flieh, holdes Bild, mit den Wonnen
und den Qualen,
gönne mir die Ruh' als mein Gut! usw.
ab

DER PORTIER DES SEMINARS
Er ist jung ... und scheint aufrichtig gläubig ...
Er hat die frommen Schönen ungewöhnlich
bewegt!
Manon tritt ein.

MANON
Monsieur ... ich wünsche zu sprechen ...
den Abbé Des Grieux!

PORTIER
Sehr wohl!

MANON
gibt ihm Geld
Nehmen Sie!
Der Portier verbeugt sich und geht.
Diese verschwiegenen Wände ... Diese eisige
Luft, die man hier atmet ... Wenn dies alles
sein Herz nicht verwandelte ... Wenn er nicht
erbarmungslos wurde für eine Torheit ...
Wenn er hier nicht verdammen gelernt!

STIMMEN AUS DER KAPELLE
im Hintergrund
Magnificat anima mea dominum, usw.
Et exsultatit spiritus meus, usw.

MANON
Dort beten sie ... Ach, auch ich möchte beten!
Verzeih', o allmächtiger Gott!
Wenn ich's wage, dir zu nahen,
ich rufe dich an um deine Gnade,
brünstig steigt mein Gebet auf zu dir in den Höh'n! Ah!
Nur sein Herz, nur sein Herz will ich von dir erflehn!
Verzeih mir, mein Gott!

STIMMEN AUS DER KAPELLE
In Deo salutari meo, salutari meo, usw.
Des Grieux tritt ein.

MANON
Er ist's!
Sie wendet sich um, als Des Grieux kommt.

DES GRIEUX
Du! Sie!

MANON
Ja, ich bin's!

DES GRIEUX
Was führte dich hierher?
Geh fort! Geh fort! Sogleich!

MANON
Ja! Wohl bin ich strafbar gewesen,
doch wie gross war auch unser Glück!
Dürft' in deinem Auge ich lesen,
dass es Verzeihung bringt zurück?

DES GRIEUX
Entferne dich!

MANON
Ja, wohl bin ich strafbar gewesen!
Doch wie gross war unser Glück!
Wie gross war unser Glück!

DES GRIEUX
Nein! Der schöne Traum ist gewesen,
der brachte ein trügerisches Glück;
ach, zu bald musste er sich lösen,
nimmer, nimmer kehrt er zurück!

MANON
Strafbar bin ich gewesen!

DES GRIEUX
Der schöne Traum ist gewesen!

MANON
Ja, ich war strafbar!

DES GRIEUX
Ein schöner Traum nur,
ach, zu bald musste er sich lösen,
nimmer, nimmer kehrt er zurück!
Ah, treulose Manon!

MANON
Bereut' ich mein Vergehen ...

DES GRIEUX
Ach, Treulose, Treulose!

MANON
... liessest du mich trostlos von dir gehn?

DES GRIEUX
Nicht Glauben will ich schenken,
nein, verlernt endlich habe ich,
an dich zu denken,
mein Herz kennt dich nicht mehr!

MANON
O nein! O nein! Sieh in mir das Vögelein,
das flieht, gefangen wollt's nicht bleiben,
nun kommt's gar oft des Nachts zu dir,
pocht an deine Fensterscheiben.
Verzeihe mir!

DES GRIEUX
Nein!

MANON
Dir zu Füssen sterbe ich.
Wenn du willst, dass ich lebe, gib mir deine
Liebe wieder!

DES GRIEUX
Nein! Sie ist tot für dich!

MANON
Könnte so tot sie sein,
dass nichts sie erweckt?
O höre mich! Erinnre dich!
Ist's nicht mehr meine Hand,
die die deine drücket?
Ist's nicht mehr meine Stimme,
die dich noch entzücket
wie in schöner Zeit?
Und diese Augen auch,
einstmals voller Glanz für dich,
leuchten sie nicht mehr für dich durch Tränen?
Ich bin nicht mehr ich selbst?
Trag' meinen Namen ich nicht mehr?
Ah! Sieh mich an! Sieh mich an!
Ist's nicht mehr meine Hand,
die die deine drücket,
ganz wie's damals war? usw.

DES GRIEUX
O Gott! Schütz mich in dieser Not,
dass Kraft ich finde!

MANON
Ich liebe dich!

DES GRIEUX
Ah! Schweig!
Sprich hier von Liebe nicht, nicht hier,
das wäre Sünde!

MANON
Ich liebe dich!

DES GRIEUX
Ah! Schweige!
Sprich nicht mehr von Liebe!

MANON
Ich liebe dich!

DES GRIEUX
Es läutet zum Gebet ...

MANON
Nein! Ich lasse dich nicht!

DES GRIEUX
Doch mich ruft die Pflicht ...

MANON
Nein! Ich lasse dich nicht!
Komm!
Ist's nicht mehr meine Hand,
die die deine drückt,
ganz, wie es früher war?

DES GRIEUX
Ganz wie es früher war!

MANON
Diese Augen auch, selbst erfüllt von Tränen,
bin ich nicht mehr Manon?

DES GRIEUX
Ganz wie es früher war!

MANON
Sieh mich an!
Bin ich nicht mehr ich selbst!
Bin ich nicht mehr Manon?

DES GRIEUX
Ah! Manon! Ich kann nicht mehr länger mich
bekämpfen!

MANON
Endlich doch!

DES GRIEUX
Und sollten Erd' und Himmel auch erbeben,
nicht länger will ich kämpfen gegen mich!
In deinem Herzen liegt, in deinem Blick mein
Leben!
Ach! Komm! Manon! Ich liebe dich!

MANON
Ich liebe dich!

DES GRIEUX
Ich liebe dich!



VIERTER AKT
Das Hotel Transsylvanien

Das Hotel Transsylvanien, ein Spielsalon.
Grosser, luxuriös ausgestatteter Saal.
Durchgänge in kleinere Salons. Spieltische im ganzen Saal verteilt. Beim Aufgehen des Vorhangs können Menschenmengen von Spielern um die Tische gesehen werden.


CROUPIERS
Faites vos jeux, Monsieurs!

ERSTER SPIELER
Tausend Pistolen!

ZWEITER SPIELER
Ich halte!

ERSTER SPIELER
Ich verdopple!

ZWEITER SPIELER
Drei Blatt!

ERSTER SPIELER
Verloren!

ERSTER SPIELER
am Würfeltische
Zwei!

ZWEITER SPIELER
Fünf!

ERSTER SPIELER
Sieben!

ZWEITER SPIELER
Zehn!

EINE STIMME
im Hintergrunde
Hundert Louisdors!

LESCAUT
Vierhundert Louisdors!
Vivat! Ich hab' gewonnen!

EIN SPIELER
ich schwöre Ihnen, dass das Geld mir zusteht!

LESCAUT
Wenn Sie das mit solcher Sicherheit
behaupten ...

SPIELER
Ich hatte As und König!

LESCAUT
Dann meinetwegen noch einmal!
Es ist mir ganz egal!

DIE FALSCHSPIELER
leise vortretend
Nur wer ganz unerfahren,
hofft vom Zufall die Gunst;
wer klug, weiss sich zu wahren,
Spielen ist eine Kunst!
Soll es Vorteil stets bringen,
will's den Rücken uns drehn,
muss durch Kunst man verstehn,
muss durch Kunst man verstehn,
das Glück sich zu erzwingen!

LESCAUT
Trotzdem ich den Gewinn erzielt,
mit Anstand hab' ich stets gespielt! usw.

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
gehen durch den Saal, die Spieler beobachtend
Lasset uns Transsylvanien preisen,
hierher kommt man aus allen Kreisen.
Lasset uns Transylvanien preisen,
so Tag wie Nacht im lieben Jahr!

POUSSETTE
Hier winkt das Gold allen Schönen!

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
Und wir gewinnen immerdar! Immerdar!

FALSCHSPIELER
Nur wer ganz unerfahren,
hofft vom Zufall die Gunst, usw.

Lescaut kommt triumphierend zurück, umgeben von Falschspielern, Poussette, Javotte, und Rosette.

LESCAUT
Meine Schöne, der ich ergeben,
sie hat hier den Aufenthalt,
und ich singe euch also bald
ein kleines Lied, von mir erfunden,
und das zu ihrem Lob erschallt!
im Hintergrunde Geldgeklimper
Hört das Geräusch, das uns erfreut,
das tönet bei ihr jederzeit;
das Geräusch, das uns erfreut, das uns
erfreut,
das tönet bei ihr jederzeit!
Die ich liebe ...
Ja, ihr Name? Wer mich als verschwiegen kennt,
der staunt, dass doch mein Mund sie nennt,
sie heisst ...

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
Ja, ihren Namen!

LESCAUT
Pallas ist's, Pique Dame!
Und somit ist mein Lied zu End'!

POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE, LESCAUT und DIE FALSCHSPIELER
Hört das Geräusch, das uns erfreut,
das tönet bei ihr jederzeit! ... usw.

GUILLOT
der eben eingetreten ist
Bravo, mein Freund!

LESCAUT
Danke!

CROUPIERS
Faites vos jeux, Messieurs!

Während Guillot Lescaut gratuliert, nehmen die Croupiers ihre Plätze an den Spieltischen wieder ein. Guillot nimmt Poussette und die anderen Mädchen mit sich.

GUILLOT
Auch ich versuche Pegasus
von Zeit zu Zeit,
und so habe ich über den Regenten
einige sehr gute Verse zusammengetragen,
doch als stolzer Mann
verhehle ich den Sinn ...
und übergehe die gefährlichen Worte.
Ihr werdet sehen, ihr versteht's umso besser!
Wenn der ...
Er ist der Herrscher ...
Er geht, zu sehen ...
Das ist seine Mätresse ....
Er sagt ...
Sie verstehen den Sinn.
Sie erwidert ...
Von Ihrer Hoheit ...
Tra la la! usw.
Ist das nicht gut, ist das nicht delikat!

POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE und LESCAUT
Und Sie kommen nicht in Gefahr!

GUILLOT
Ist das nicht pikant! Gelungen, delikat!
Tra la la la! usw.

POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE, GUILLOT und LESCAUT
Still!

Grosse Bewegung. Alles erhebt sich, um zu sehen, wer da kommt. Manon und Des Grieux treten ein.

GUILLOT
Wer kommt denn da mit solchem Lärm?

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
Es ist die schöne Manon mit ihrem Chevalier.
Sie gehen ab.

DES GRIEUX
So wäre ich hier!
Wohl verweigern musst' ich's.
Doch der Mut hat mir gefehlet!

GUILLOT
Der Chevalier!

LESCAUT
zu Guillot
Sie wechseln die Farbe ... Es scheint Ihnen
etwas hier unangenehm zu sein.

GUILLOT
Ich habe dazu allen Grund, denn ich
vergötterte Manon ... Und dass sie nun einen
anderen liebt, das verletzt mich.

Lescaut zieht Guillot weg, die anderen kehren an die Spieltische zurück. Manon bleibt mit Des Grieux zurück. Als sie sieht, dass er bedrückt aussieht, zieht sie ihn näher zu sich.

CROUPIERS
Faites vos jeux, Messieurs!

MANON
Irre ich mich, Des Grieux,
wenn ich mich dein Alles wähne?

DES GRIEUX
Manon! Manon! Sphinx wunderbar!
Leibhaftige Sirene!
Du dreimal weiblich' Herz,
das ich lieb' und wieder hasste,
da sein Hang nach Vergnügen, nach Gold
unmöglich wird gestillt!
Ach, Törin ewiglich,
und dennoch lieb' ich dich!

MANON
Und ich ... wie liebt' ich dich noch mehr ...
wenn du nur willst ...

DES GRIEUX
Wie, wenn ich will? ...

MANON
Was wir besessen, ist verschwunden ...
Chevalier, wir haben gar nichts mehr!
Doch wenn du willst, hier wird's dir nicht schwer ...
ein Vermögen ist gar bald gefunden.

DES GRIEUX
Manon, was sagst du da?

LESCAUT
tritt zu Manon
Es ist schon so!
Bei ein'gem Glück im Pharao
ist ein Vermögen hier gar bald gefunden.

DES GRIEUX
Wie? Ich? Spielen?
Niemals! Niemals!

LESCAUT
Das wär' nicht recht,
Manon mag nicht in Armut leben.

MANON
Chevalier, wenn ich etwas dir bedeute,
will'ge ein, will'ge ein,
und sicher werden wir reich wieder sein!

LESCAUT
Sehr wahrscheinlich!
Frau Fortuna ist nur eine Wilde
mit Spielern, die alt und gewiegt,
und von denen sie oft ward besiegt.
Doch ist sie freundlich und milde gegen alle,
die beginnen!

MANON
Nun willst du, nicht wahr?

DES GRIEUX
Wie kann ich der Höll' entrinnen?

LESCAUT
So kommt!

DES GRIEUX
zu Manon
Und ich gebe alles hin ...

LESCAUT
Sie haben Glück!

DES GRIEUX
Was wird mir dann dafür?

LESCAUT
Sie haben Glück!

MANON
So nimm mich, wie ich bin, mein Leben,
meine Liebe!

DES GRIEUX
Manon! Manon! Sphinx wunderbar!
Ja, leibhaft'ge Sirene!

LESCAUT
Spielen Sie mit Vertrauen!

MANON
Du magst auf meine Liebe trauen!
Mehr als das Wort sagt mir dein Blick!
Ach, dort liegt der Zukunft Glück!
Drum zweifle nie! Ah! Niemals!
Meine Liebe für dich!
Für dich allein mein Sein!
Ah! für dich!

DES GRIEUX
Du dreimal weiblich' Herz!
Wie ich dich lieb' und dich hasste!
Da sein Hang nach Vergnügen und Gold
unmöglich wird gestillt!
Ach! Törin ewiglich,
und dennoch lieb' ich dich!
Genügt dir nicht, mich schwach zu sehen,
so soll ich auch noch ehrlos sein,
soll ich noch ehrlos sein!

LESCAUT
Spielen Sie nur, und mit Vertrauen!
Spielen Sie nur, es bringet Glück!
Spielen Sie, spielen Sie nur! Kommt!
Sie haben Glück! Kommt! Kommt!
Spielen sie! Immerzu! Spielen Sie! Immerzu!
Ah! Kommt!

GUILLOT
zu Des Grieux
Ein Wort! Mögen Sie, Chevalier,
ein kleines Spielchen so ganz geschwind ...
Nur um zu wissen, ob sie über mich stets
Sieger sind!

POUSSETTE
Bravo, Guillot, ich wette gleich auf Sie!

JAVOTTE
Ich wette, ich dagegen, auf den Chevalier!

GUILLOT
zu Des Grieux
Nehmen Sie's an?

DES GRIEUX
Mir recht!

GUILLOT
Beginnen wir!

POUSSETTE
Wir wetten jedes Mal!

JAVOTTE, ROSETTE
Die Wette steht!

GUILLOT
Tausend Pistolen!

DES GRIEUX
Gut, mein Herr, mag's dabei bleiben!

LESCAUT
bewundernd
Tausend Pistolen! Pallas,
steh mir bei, steh mir bei!
Er geht an einen anderen Spieltisch.

MANON
Dieses tolle Treiben ... Das heisst Leben!
Ah! Das heisst Leben!

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
Das heisst Leben!

MANON
Das allein,
das ist's, was mich erfreut!

CROUPIERS
Faites vos jeux, Messieurs!

MANON
Des Goldes Klang ... die Lust ... ewige Heiterkeit!
Dass Freude der heut'ge Tag bringe,
Liebeslust und Gesang sind süsse Dinge!
Wer weiss, ob man morgen noch lebt!
Ja, hoch dieser Tag! Dass Freude der heut'ge
Tag bringe!

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
Liebeslust und Gesang sind süsse Dinge!

MANON, dann POUSSETTE
Wer weiss, ob man morgen noch lebt! usw.

MANON
Ja, die Jugend ziehet
und die Schönheit fliehet;
darum heisst's allein,
sich der Lust zu weihn!
Lieb' mit Wonn' und Schmerzen
lodre in dem Herzen!
Manon bleib' ewig hold
das Gold! Noch mehr! Das Gold!

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
Das Gold!

MANON
Dass Freud' der heutige Tag bringe!

MANON, dann POUSSETTE usw.
Liebeslut und Gesang sind süsse Dinge!
Wer weiss, ob man morgen noch lebt! Morgen!
Ja, hoch dieser Tag!
Dass Freude der heutige Tag bringe!
Für uns nur Gold! Nur Gold! Nur Gold!

MANON
Nur Gold! ... Nur Gold!

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
Nur Gold!
Wer weiss, ob man morgen noch lebt!
Für uns nur Gold! Nur Gold!

SPIELER und FALSCHSPIELER
Zum Spiel! Zum Spiel!

LESCAUT
Auf Ehrenwort zu spielen, mögt ihr erlauben,
bezahlen werde ich!

SPIELER und FALSCHSPIELER
Zum Spiel! Zum Spiel!

LESCAUT
Nicht einen Louisdor, keine Pistole hab' ich mehr!
Man hat mich arg gerupft, mich! Mich!

GUILLOT
zu Des Grieux
Ha, unbezwinglich scheinen Sie!
Nochmals tausend Louisdor!

DES GRIEUX
Gut! Mein Herr! Tausend Louisdor!

GUILLOT
Ich verlor!

MANON
tritt zu den Spielenden; zu Des Grieux
Nun, bist du im Gewinn?

DES GRIEUX
Sieh her doch!

MANON
Das gehört uns?

DES GRIEUX
Das gehört uns!

MANON
Ich liebe dich!

GUILLOT
Das Doppelte! Wollen Sie?

DES GRIEUX
Mir recht!

GUILLOT
Auch das verloren.

MANON
Dass du heute gewinnst,
ich hab' dir's ja gesagt!

DES GRIEUX
Manon! Manon! Ich liebe dich! Ich liebe dich!

GUILLOT
verlässt den Spieltisch
Ich stell' das Spiel nun ein!

DES GRIEUX
ebenfalls aufstehend
Ganz wie es Ihnen beliebt!

GUILLOT
's wär' Blödsinn, wollt' ich hier noch
hartnäckig sein.

DES GRIEUX
Wie das?

GUILLOT
's ist genug, wer das kennt;
Sie haben wirklich viel Talent!

DES GRIEUX
Was sagen Sie?

GUILLOT
Das ist zum Teufelholen!
Sie möchten mich auch schlagen noch!
Nachdem Sie mich bestohlen!

DES GRIEUX
auf Guillot losgehend
Infame Lüge! Du Schurke!

Alle kommen herbeigelaufen.

POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE, LESCAUT und FALSCHSPIELER
Ihr Herrn, nicht so! Nicht so, ihr Herrn!

GÄSTE und SPIELER
Ihr Herrn, nicht so! Nicht so, ihr Herrn!

POUSSETTE, usw.
Ihr Herrn! Nicht so! Ihr Herrn!

GÄSTE und SPIELER
Ihr Herrn! Ihr Herrn!

ALLE
Der feineren Gesellschaft
bleibt solch Betragen fern! Ihr Herrn!
Nicht so! Ihr Herrn!

GUILLOT
Die Damen und die Herrn,
sie alle können's beschwören!
zu Des Grieux und Manon
Und Sie beide werden sicherlich
bald von mir hören!
Er geht.

GÄSTE und SPIELER
Das hat man hier noch nicht gesehn!
Nein! Nein! Niemals! Sicher nicht!

LESCAUT
Versteht, ihr Herrn! Beruhigt euch doch!
zu Des Grieux
Welch Missgeschick!
Was taten Sie! Ihr Herrn! Ihr Herrn!

FALSCHSPIELER
zu sich
Das stört uns sehr! Welch Missgeschick!
Das hat man hier noch nicht gesehn!
Nein, nein! Niemals! Das ist gewiss!
zu den Spielern
Faites vos jeux, Messieurs!

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
Nein, nein, niemals!
Man stahl doch hier niemals bisher!
Versteht, ihr Herrn! Ihr Herrn!
zu den Spielern
Faites vos jeux, Messieurs!

GÄSTE und SPIELER
Man stahl hier nicht bisher, nein, nimmermehr!
Nein, nein, niemals! Niemals!
auf Des Grieux zeigend
Wenn jemand stahl, nur er! usw.

MANON
Nur fort! O hör mein Flehen, lass uns gehen!

DES GRIEUX
Nein, bei meiner Ehre!
Ging' ich jetzt fort von hier, dann hielt' man mich
für schlecht; man glaubte nur, dass jener
Mensch im Recht!

Es wird von aussen stark geklopft.

POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE, LESCAUT und FALSCHSPIELER
zu sich
O hört, wer klopft denn da so stark?
Es klopft wiederum.

GÄSTE und SPIELER
Schnell! Schnell! Fort mit dem Geld!
Fort mit dem Geld!

MANON
zu sich
Wer klopft an jener Tür!
Ich zittre ... ich weiss nicht, warum ...

EINE STIMME
…öffnet! Im Namen des Königs!

LESCAUT
Einer von der Polizei!
Schnell fort über die Dächer!

Lescaut läuft hinaus. Ein Polizist und Soldaten dringen ein.

GUILLOT
auf Des Grieux zeigend
Dort der Herr ist's und seine Mitschuldige!

MANON
zu Guillot
Schuft!

GUILLOT
zu Manon
Ich bedaure tausendmal, Mademoiselle ...
Doch die Gelegenheit war allzu günstig! Ich
sagte Ihnen, ich würde mich rächen!
zu Des Grieux
Ich habe meine Revanche, mein Meister! Sie
werden sich trösten müssen ...

DES GRIEUX
Ich werd's versuchen; doch beginn' ich damit,
sie durch das Fenster hinauszuwerfen!

GUILLOT
Mich, durchs Fenster?

DER GRAF
zu Des Grieux
Und ich ... Werfen Sie auch mich hinaus?

DES GRIEUX
Mein Vater! Sie hier ... Sie!

MANON
Sein Vater!

DER GRAF
Ja, ich kam, dich der Schande zu entreissen,
die täglich mehr verwächst mit dir ...
Unverständ'ger, merkst du nicht, dass sie steiget
und endlich sich erhebt bis zu mir?

MANON
Dieser Schmerz! Trennung droht uns beiden!
Und vor Schreck, vor Gram bebe ich!
Welch unsägliche Qualen muss ich leiden!
Mein Lebensglück, es wendet sich!

POUSSETTE, JAVOTTE und ROSETTE
Ah! Habt Mitleid mit ihnen!
Mit ihrer Jugend! Gnade!
Denn solche Schönheit verdient doch Milde!

DES GRIEUX
zu seinem Vater
Schenke Milde und Nachsicht uns beiden,
nicht die Strenge nur führe dich,
das Gewissen lässt mich schon leiden,
vergib, vor Schande nur bewahre mich!

GUILLOT
Das Geschick rächt mich!
An der Rache nur will ich mich weiden!
Nein, kein Mitleid mehr!
Nun das Gesetz, es strafe dich!

GRAF
Ja, ich kam, dich der Schmach zu entreissen,
auch dein Flehn kann nicht anders
entscheiden;
kein Mitleid mehr!
Nein! Kein Mitleid mehr!
Für unsre Ehre wache ich!

FALSCHSPIELER, GÄSTE und SPIELER
Habet Gnade für sie!
Für ihre Jugend Gnade!
Denn solche Schönheit verdient doch Milde!

GRAF
auf Des Grieux deutend
Führt ihn hinweg!
Befreien später wird man dich!

DES GRIEUX
auf Manon weisend
Doch sie?

GUILLOT
Die Wache bringt sie schon,
wohin gehöret ihresgleichen!

DES GRIEUX
versucht Manon zu schützen
Fasst sie nicht an!
Nicht werd' ich von ihr weichen!

MANON
Ah! Es ist aus! Ich sterbe!
Gnade!

DES GRIEUX
Welcher Schmerz! Trennung droht uns beiden!

MANON
Ah! Gnade!

GUILLOT, GRAF
Nein! Niemals!

ALLE
Ah! Mitleid!



FÜNFTER AKT
Auf der Landstrasse nach Le Havre

DES GRIEUX
allein auf einem Stein sitzend
Manon! Arme Manon!
Mit gewöhnlichen Verbrechern soll ich dich
gefesselt sehen!
Der Karren kommt hierher!
O Gott, höre mein Flehen,
muss ich denn verzweifeln?
Er erblickt Lescaut.
Nein! Er ist's!
Gib Nachricht deinen Leuten,
dass die Häscher unterwegs,
und bald sehen wir sie hier!
Die Deinen sind bewaffnet,
dass sie sich vorbereiten,
um Manon zu befre'n.
Wie? Sagtest du mir nicht, alles sei abgemacht?
Du siehst mich schweigend an!

LESCAUT
Mein guter Chevalier ....

DES GRIEUX
Nun was?

LESCAUT
Ich meine ... es sei alles verloren.

DES GRIEUX
Wie?

LESCAUT
Als sie bei Tageslicht
schon sahn Soldatengewehre,
sind die Feigen entflohn!

DES GRIEUX
Du lügst! Du lügst! Gott hat mit meinem
Leiden wohl Erbarmen!
Bald liegt Manon in meinen Armen!
Die Befreiung der Teuren, sie sei gewagt!

LESCAUT
Ich belog dich wahrhaftig nicht!

DES GRIEUX
will ihn schlagen
Geh fort!

LESCAUT
fällt vor Des Grieux nieder
Schlag zu!
Was wollen Sie?
Man ist Soldat ... Man wird nur schlecht bezahlt!
Da weicht man ab vom Recht.
Er bricht in Tränen aus.
Man wird ein Schurke dann,
der sich verachten muss!

DES GRIEUX
So geh!

SOLDATEN
von aussen
Guter Kapitän,
kannst uns müde sehn,
da wir weit schon gehn!

DES GRIEUX
Was ist das?

SOLDATEN
Doch nein, doch nein!

LESCAUT
Sie sind es, ohne Zweifel!

SOLDATEN
Er muss kommandieren!

LESCAUT
Ich seh' sie auf der Strasse!

SOLDATEN
Drum ist ihm beschert auch ein kräftiges Pferd,
um das Heer zu führen!

DES GRIEUX
Manon! Manon!
Ich habe meinen Degen!
Wir greifen an, und mutig kämpfen wir!

LESCAUT
Töricht wär' es und verwegen!

DES GRIEUX
Es gilt!

LESCAUT
Nur Schaden bringt es!
Glaube doch! Es hilft hier
nur ein andres Mittel!

DES GRIEUX
Und welches?

LESCAUT
Du sollst schon sehen. Jetzt wart!

DES GRIEUX
Nein! Nein!

LESCAUT
Verlasst Euch drauf, ich bürg' dafür!

DES GRIEUX
Sie verlassen! Ich höre nur ihr Flehen:
«Steh mir bei!» Nein, nimmermehr!

LESCAUT
Wenn Ihr sie liebt, dann kommt!

DES GRIEUX
Ob ich sie liebe!
Trotz' ich doch dem Verderben
und bin bereit, für sie zu sterben!

LESCAUT
Kommt jetzt!

DES GRIEUX
Wann werd' ich bei ihr sein?

LESCAUT
Im Augenblick!

Er zieht Des Grieux hinter ein Gesträuch. Die Soldaten kommen näher.

SOLDATEN
Guter Kapitän,
kannst uns müde sehn,
da wir weit schon gehn.
Doch nein! Doch nein!
Er muss kommandieren, drum ist ihm beschert
auch ein kräft'ges Pferd,
um das Heer zu führen!
Weiss doch, Kapitän,
kühler Trunk schmeckt schön, so schön!
Kapitän, so schön!

Die Soldaten kommen auf die Bühne.

EIN SOLDAT
zum Sergeanten
Nach dem Singen muss man doch auch trinken!

SERGEANT
Das ist das wenigste! Ist doch wahrlich nicht
ruhmvoll für den Soldaten, gefallene
Mädchen bis zum Schiffe zu begleiten!

SOLDATEN
Eine wahre Schande!

SERGEANT
Einerlei! Man tut seine Pflicht. Und was
sagen die Gefangenen?

EIN SOLDAT
O nichts! Sie sind ganz ruhig. Eine von ihnen
ist schon krank, halbtot!

SERGEANT
Welche?

EIN SOLDAT
Nu, die, die immer ihr Gesicht verbarg und
weinte, wenn einer von uns mit ihr reden
wollte.

SERGEANT
Also Manon?

DES GRIEUX
im Gebüsch
O Himmel!

LESCAUT
ihn zurückhaltend
Still! Lass mich nur machen ...
zum Sergeanten, von fern
He, Kamerad!

SERGEANT
Ein Soldat!

LESCAUT
Mehr! Ich denke: ein Freund! ...
leise zu Des Grieux
Habt Ihr Geld?
zum Sergeanten
Ihr seid gewiss gefällig;
dann leistet Ihr mir wohl einen Dienst.

SERGEANT
Und welchen?

LESCAUT
Lasst mich nur einen Augenblick mit jenem
armen Mädchen sprechen, das Ihr erwähntet ...

SERGEANT
Warum?

LESCAUT
Ich gehöre zu ihren Verwandten.

SERGEANT
Unmöglich!

LESCAUT
gibt ihm etwas Geld
Ah!

SERGEANT
sieht sich um, ob etwas bemerkt wurde
Dennoch ...

LESCAUT
gibt ihm mehr Geld
Wenn man recht sehr bittet?

SERGEANT
Vielleicht!

LESCAUT
gibt ihm Des Grieux' Börse
Man bittet dringend!

SERGEANT
Ah, wenn Sie so triftige Gründe haben ...
Zugestanden! Da hinten ist das Dorf, dahin
bringen Sie sie persönlich, noch ehe es
Nacht wird.
zu den Soldaten
Bindet sie los!

LESCAUT
Schön' Dank, mein Lieber, und gute Reise!

SERGEANT
Versucht aber nicht, sie zu entführen aus
Dank!

LESCAUT
hebt die Hand
Ich schwöre feierlich!
Muss ich Euch nochmehr geben?

SERGEANT
Nein! Übrigens wird zur Bewachung einer von
uns in Eurer Nähe bleiben!

LESCAUT
Schön' Dank, mein Lieber, und gute Reise!

SERGEANT
Vorwärts! Marsch!

DES GRIEUX
noch versteckt
Gütiger Gott, ich danke dir!

Die Soldaten marschieren ab. Nach und nach verliert sich ihr Gesang in der Ferne.
Des Grieux und Lescaut beobachten sie ängstlich.


SOLDATEN
Guter Kapitän,
magst uns müde sehn,
da wir weit schon gehn.
Doch nein! Doch nein!
Er muss kommandieren,
drum ist ihm beschert
auch ein kräftiges Pferd,
um das Heer zu führen!

DES GRIEUX
Manon! Ich soll sie wiedersehen!

LESCAUT
Und bald, hoffe ich,
werden Sie mit ihr verschwinden können!

SOLDATEN
entfernt
Guter Kapitän!

DES GRIEUX
zeigt auf den in der Nähe gebliebenen Soldaten
Aber der Soldat?

LESCAUT
Das ist meine Sache!
lässt Geld in der Börse klingen
Ich tat schon recht, nicht alles gleich zu geben!
Lescaut steigt einen kleinen Berg hinauf.

SOLDATEN
sehr entfernt
Magst uns nur müde sehn!

Manon schleppt sich heran.

MANON
Ah! Des Grieux!

DES GRIEUX
O Manon! ... Manon! ...
In Tränen!

MANON
Ja, vor Schande über mich,
und vor Weh über dich!

DES GRIEUX
Manon! O blick empor, denke der seligen Tage!
Sie erstehn uns aufs neu!

MANON
Ah! Warum täuschst du mich?

DES GRIEUX
Nein, nein, jenes Land voll Grauen,
wohin man dich verbannt,
du wirst es niemals sehen!
Wir entfliehen sogleich,
und nach fernen Auen
soll unsre Wand'rung gehn.
Manon, gib Antwort mir!

MANON
Einzige Lieb' meines Lebens,
wie unsagbar gut du bist,
lern' ich erst heut zu verstehen.
Manon bittet um Gnade. Verzeihung für ihr Vergehn!
Des Grieux will sie unterbrechen, sie legt ihm ihre Hand auf den Mund.
Nein! Nein! Noch mehr!
Nur bestrebt, nach der Torheit zu jagen,
leicht und flatterhaft war ich,
deine Lieb' für mich lohnt'
ich mit Undank!

DES GRIEUX
Ach, weshalb dich verklagen!

MANON
Nicht fass' ich's jetzt, denk' ich zurück,
wie so Wahnwitz konnte mich verleiten,
dir nur einen Augenblick
so viel Gram zu bereiten!

DES GRIEUX
Hör auf!

MANON
Ich verabscheue mich mit aller Glut,
denke ich an unsre Lieb', deren Tod ich verschuldet.
Ach, nimmer kann bezahlen ich mit meinem Blut
nur die Hälfte der Schmerzen, die ich verschuldet!
Verzeihe mir! Ach! Verzeihe mir!

DES GRIEUX
Was soll ich denn verzeihen,
wenn wieder mir dein Herz
von neuem mir gehört!

MANON
Ah! Mich erleucht ein himmlisch' Feuer,
mich belebt Freudigkeit,
ich schaue glückliche Zeit!

DES GRIEUX
O Manon! Meine Liebe! ...

MANON
Ah! Mich erleuchtet ein himmlisch' Feuer,
mich belebt Freudigkeit.
Ich schaue glückliche Zeit!
Ah! Mich erleuchtet ein himmlisch' Feuer,
mich belebt Freudigkeit!
Ich schaue glückliche Zeit! Glückliche Zeit!

DES GRIEUX
... Mein Weib,
dieser Tag nimmt das Leid,
er vereint uns noch heut!
Sieh die schöne Zeit! Die schöne Zeit!
Ah! Manon, meine Liebe, mein Weib!
Ja, dieser Tag nimmt das Leid,
er vereint uns noch heut!
Der Himmel selbst hat dir vergeben!
Ich liebe dich!

MANON
Ah! Sterben kann ich nun!

DES GRIEUX
Sterben! Nein, leben!
Ohne Gefahren werden beide wir vereint
jene Pfade ziehen, wo Freuden nur erblühen!

MANON
Ja, noch kann ich glücklich werden ...
Wir reden von der Vergangenheit ... von dem
Wirtshause ... der Kutsche ... der dunklen
Landstrasse ... von deinem ersten Briefe ...
und von dem kleinen Tischchen ... von
deinem Priesterkleide in Saint Sulpice ...
Treu blieb mir die Erinnerung!

DES GRIEUX
Das ist ein reizender Traum!
Jede Schranke fällt und wir sind frei!

MANON
So komm! Nein ...
Es ist mir nicht möglich ...
Ich kann nicht mehr weiter gehn ...
Ich fühl, mich überfällt der Schlaf mit Macht ...
Ein Schlaf ... ohne Erwachen!
Ich ersticke ... ich muss sterben!

DES GRIEUX
Komm doch zu dir!
Die Nacht will niedersinken,
sieh den ersten Stern dort blinken!

MANON
Ach! schöner Diamant!
Du siehst, ich bin noch immer eitel!

DES GRIEUX
Man kommt! Fliehen wir, Manon!

MANON
Ich liebe dich ...
Noch diesen Kuss ...
der Abschied ist's für immer!

DES GRIEUX
Nein! ... Nein, ich will's nicht glauben!
O höre mich! Erinnre dich!
Ist's nicht mehr meine Hand,
die deine drücket!

MANON
O wecke mich nicht auf!

DES GRIEUX
Ist's die Stimme nicht, die dich beglücket?

MANON
Schliess mich in deine Arme!

DES GRIEUX
Hör, ich rufe dich in Tränen!

MANON
Lass das vergessen sein!

DES GRIEUX
Erwacht denn nicht dein Sehnen?

MANON
Grausam mahnt es mich!

DES GRIEUX
Ich vergab dir gern!

MANON
Ah! Könnt' vergessen ich
die Trauerzeit, das Herzeleid!
Ja, 's ist seine Hand, die meine drücket,
seiner Stimme Klang!
Ja, 's ist noch sein Herz! Dies ist die
Zärtlichkeit der Vergangenheit!
Bald kehrt uns zurück das vergangene Glück!

DES GRIEUX
Alles ist vergessen!
Ist's nicht mehr meine Hand,
die deine drücket?
Ist's meine Stimme nicht?
Ist sie es nicht, die dich beglücket,
so wie in früh'rer Zeit?
Bald kehrt uns zurück das vergangene Glück!

MANON
Ah! ich sterbe!

DES GRIEUX
Manon!

MANON
Es muss sein! Es muss sein!
Und das ist die Geschichte von Manon Lescaut!

Sie stirbt. Des Grieux stösst einen erschütternden Schrei aus und bricht über Manons Leiche zusammen.